- 04.10.2009, 16:55:50
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"Freiheit bedeutet auch Verantwortung"
Zum 20-Jahr-Gedenken des Falls des Eisernen Vorhangs präsentierte das Kolpingwerk die "Erklärung von Bratislava" - Verantwortung des einzelnen für das Gemeinwohl
Preßburg, 04.10.2009 (KAP) Die Menschen in Europa müssen mit der
1989 gewonnenen Freiheit verantwortlicher umgehen und ihre
persönliche Mitverantwortung für das Gemeinwohl stärker wahrnehmen..
Dazu ruft das Europäische Kolpingwerk in seiner am Sonntag
veröffentlichten "Erklärung von Bratislava" aus Anlass des
20-Jahr-Gedenkens des Falls des Eisernen Vorhangs auf.
1989 habe für viele Länder in Mittel- und Osteuropa einen Neubeginn
gebracht, sagte der Generalsekretär des Internationalen
Kolpingwerks, Hubert Tintelott, bei der Präsentation der Erklärung
in Preßburg (Bratislava). Heute zeige sich aber, dass sich nicht für
alle Menschen die Erwartungen von 1989 erfüllt haben. Es gelte nun,
sich wieder an beide Dimensionen des christlichen Menschenbildes zu
erinnern, so Tintelott: "Freiheit wird oft ausschließlich verstanden
als individuelle Freiheit. Freiheit bedeutet aber auch ein Stück
Verantwortung für den einzelnen bei der Gestaltung der Gesellschaft".
Konkret werden in der "Erklärung von Bratislava" unter dem Titel
"Freiheit verpflichtet - Zukunft verantwortlich gestalten" vier
Themenbereiche angesprochen: In der Arbeitswelt will das Kolpingwerk
dafür eintreten, Grundprinzipien für eine menschenwürdige Arbeit
durchzusetzen. Zweiter Punkt ist die Stärkung der Familie als
Grundzelle der Gesellschaft. Gleichzeitig sieht Kolping auch eine
besondere Aufgabe in der Begleitung Alleinerziehender und von
Menschen aus zerbrochenen Familien. Angesichts des zunehmenden
Einflusses populistischer und demokratiefeindlicher Kräfte möchte
der katholische Verband seine Mitglieder noch stärker zu aktivem
demokratischen Handeln und der Übernahme politischer Verantwortung
motivieren. Vierter Bereich ist das Themenfeld internationale
Solidarität. Durch eine verstärkte Entwicklungszusammenarbeit
müssten "an den Rand gedrängten Völkern" neue Perspektiven eröffnet
werden.
Europa darf keine Festung werden
Tintelott: "Wir wollen nicht, dass Europa eine Festung wird, sondern
dass Europa offen bleibt für die Welt". Fragen von Asyl und
Migration müssten daher gelöst werden, gleichzeitig müsse Europa
aber auch seine Verantwortung für das weltweite Gemeinwohl
wahrnehmen. Dazu gehöre auch, die Ursachen der Wanderungsbewegungen
zu überwinden.
Der slowakische Ex-Premierminister Jan Carnogursky appellierte in
seiner Festrede, auch angesichts der aktuellen Krisen die Hoffnung
auf eine positive Gestaltung der europäischen Zukunft nicht
aufzugeben. Heute würden nicht mehr autoritär geführte Staaten die
Bürger gefährden, sondern unverantwortlich handelnde
Privatunternehmen, sagte Carnogursky. Diese schweren Probleme
könnten aber gelöst werden: "Sie sind nichts im Vergleich zur
Situation, als in Berlin-Friedrichstraße amerikanische und
sowjetische Panzer einander gegenüberstanden".
"Man muss auch heute 'arbeiten, beten und träumen'", sagte der
slowakische Politiker, der einer der Begründer der christlichen
Demokratiebewegung in seinem Land war. Auch der Traum vom Fall der
Grenzen in Europa habe sich schlussendlich erfüllt.
Erfolgreiche Aufbauarbeit
Am Kolping-Kongress in der slowakischen Hauptstadt nahmen in den
vergangenen drei Tagen 220 Delegierte aus 19 Ländern Europas teil.
Im "Kathpress"-Gespräch freute sich Generalsekretär Tintelott über
die bisherige Aufbauarbeit von "Kolping" in den Reformstaaten. In
Mittel- und Osteuropa gebe es heute mehr als 10.000 Mitglieder in
400 neuen Kolpingfamilien. "In einigen dieser Ländern ist 'Kolping'
wieder lebendiger Teil der Zivilgesellschaft", so Tintelott. Der
katholische Sozialverband hat in vielen Ländern gesellschaftliche
Aufgaben in der Jugend- und Familienarbeit sowie der beruflichen
Bildung und Sozialarbeit übernommen.
Für den Bundesvorsitzenden des deutschen Kolpingwerks, den
CDU-Bundestagsabgeordneten Thomas Dörflinger, ist das
20-Jahr-Gedenken des Falls des Eisernen Vorhangs auch Anlass, über
die bisherige Entwicklung nachzudenken. Die in diesen Tagen
besonders präsenten Bilder von 1989 riefen vieles in das Gedächtnis
zurück, das bereits in Gefahr stand, vergessen zu werden, so
Dörflinger im "Kathpress"-Interview. Das deutsche Kolpingwerk stelle
sich in diesen Tagen aber auch der Verpflichtung, "über die Frage
nachzudenken, was an Einheit noch gestaltbar ist und in den
kommenden 20 bis 25 Jahren gestaltet werden muss". Zentral seien
hier die Probleme in der Arbeitswelt, so Dörflinger. Das Kolpingwerk
wolle hier auf Europa-Ebene für Mindeststandards zugunsten der
Arbeitnehmer eintreten.
In den neuen deutschen Bundesländer sei es bisher erst in Ansätzen
gelungen, verbandliche Strukturen zu entwickeln, stellte Dörflinger
fest. Dieser Befund gelte nicht nur für das Kolpingwerk, sondern
auch allgemein für Akteure der gesellschaftspolitischen Ebene. Hier
zu reüssieren, sei wichtig für das Gelingen von Einheit. Dörflinger:
"Die Geschichte zeigt: Wo vernünftige bürgerschaftliche und
ehrenamtliche Strukturen herrschen, sind die Einwohner weniger
empfänglich für extremistische Botschaften".
Jugend baut Europa
Am Kolping-Kongress in Preßburg nahmen auch zahlreiche junge
Delegierte des Sozialverbandes aus ganz Europa teil. Besonders
wichtig sei der Jugend in den Gesprächen das Thema Bildungsmobilität
gewesen, berichtete die österreichische Kolping-Präsidentin
Christine Leopold im "Kathpress"-Gespräch. "Es fasziniert mich immer
wieder, wie ernsthaft sich die Jugend mit dem Thema 'Ost-West' und
der Entwicklung der Länder im gemeinsamen Europa auseinandersetzen",
so Christine Leopold, die u.a. mit Kolping-Ehrenpräses Ludwig Zack
und Bundespräses Dechant Gerald Gump nach Bratislava gekommen war.
Im Interview erinnerte Leopold auch an die zahlreichen
Kolping-Kontakte zwischen Ost und West, die teils bereits vor 1989
von Österreich aus geknüpft wurden. Bis heute gebe es etwa
Partnerschaften einzelner Kolpingfamilien, die bis nach Moldawien
und Rumänien reichen. Ziel sei, so Leopold, "auch in Zukunft die
Solidarität mit unseren Nachbarn in einem vereinten Europa durch
Partnerschaften auf gleicher Augenhöhe immer wieder zu praktizieren".
Das Kolpingwerk wurde Mitte des 19. Jahrhunderts vom Kölner Priester
Adolph Kolping gegründet. Der Sozialverband ist heute weltweit in
mehr als 60 Ländern mit rund einer halben Million Mitglieder
vertreten. Der Verband gliedert sich in örtliche Gruppen, die
sogenannten Kolpingfamilien. Sie wiederum sind in Diözesan- und
Nationalverbänden zusammengefasst. Zur Zeit gibt es etwa 5.000
Kolpingfamilien weltweit.
(forts)
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