• 24.09.2009, 19:19:46
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Für die, die ohne Stimme sind Festveranstaltung der Theodor Kramer Gesellschaft im Hohen Haus

Wien (PK) - Nationalratspräsidentin Barbara Prammer lud heute Abend
aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Theodor Kramer Gesellschaft,
die sich um Kenntnis und Verbreitung österreichischer Exilliteratur
verdient macht, zu einem Festakt ins Hohe Haus.

Prammer erinnerte eingangs daran, dass sie bereits 2008 mit der
Gesellschaft eine Veranstaltung ausgerichtet habe, die ob der großen
Teilnehmerzahl in den Plenarsaal habe verlegt werden müssen. Dies sei
auch diesmal der Fall, da das Interesse an der Thematik erfreulich
groß sei. Die heutige Veranstaltung sei gleichsam der Auftakt zu den
Feierlichkeiten anlässlich 25 Jahre Kramer Gesellschaft, und ein
Symposion, das in den folgenden Tagen stattfinde, werde die Themen,
derer sich die Gesellschaft angenommen habe, noch vertiefen.

Kramer habe die Tätigkeit der Gesellschaft durch sein Wirken und
seine Persönlichkeit geprägt. Das Exil, das "Fremdsein in einem
Land", das "nicht Dazugehören" seien die Themen, mit denen sich die
Kramer Gesellschaft auseinandersetze. Es gebe an dieser Stelle eine
Verantwortung Österreichs, die im Hier und Jetzt wahrgenommen werden
müsse.

Die Republik sei in dieser Frage leider lange säumig gewesen, die
Kramer Gesellschaft aber habe einen ganz wichtigen Baustein gelegt,
denn sie holte die Künstlerinnen und Künstler gedanklich nach Hause
und gab sie Österreich so zurück. Die offizielle Unterstützung setzte
leider erst spät ein, und sie sei, so Prammer, immer noch
entwicklungsfähig.

Verfolgung, Vertreibung und Flucht stünden auch heute noch auf der
Tagesordnung, und umso wichtiger sei es, aus der Geschichte Lehren zu
ziehen und die Grundfesten der Demokratie zu verteidigen und
auszubauen. Es müsse gelingen, aus der Vergangenheit jene Kraft zu
schöpfen, sich der gemeinsamen Verantwortung zu stellen, und so sei
an dieser Stelle auch ein Auftrag wahrzunehmen, nämlich die Stimmen
der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in jenes Gebäude zu holen, welches
das Zentrum der Demokratie ist. Dies sei heute erneut der Fall und
werde auch in Zukunft so sein, schloss Prammer.

Karl Müller, der Vorsitzende der Gesellschaft, erklärte, es habe fast
40 Jahre gedauert, ehe 1984 erstmals der Versuch unternommen wurde,
dem Exil und seinen Leistungen entsprechenden Raum zu geben. Dabei
tat sich ein beachtlicher Kosmos von Autorinnen und Autoren auf, und
so wurde schnell klar, dass die Literaturgeschichte dieses Landes neu
geschrieben werden musste.

Heute sei die Gesellschaft eine der wichtigsten literarischen
Vereinigungen des Landes, ihre Arbeit öffne viele
Erkenntnisschleusen, Forschung und Lehre erhielten durch sie neue
Impulse. Die Dimension des Exils auch weiter in das Bewusstsein des
Landes zu rücken, habe sich die Gesellschaft zur Aufgabe gestellt,
kündigte Müller eine Fortsetzung des bisherigen Weges an.

Nach einer Grußbotschaft von Elfriede Jelinek erinnerte die
stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft Siglinde Bolbecher an
die Ursprünge der Kramer Gesellschaft, ehe der Schriftsteller Robert
Schindel das Wirken der Kramer Gesellschaft aus der Sicht der
Literatur und Universitätsprofessor Hans Höller selbiges aus der
Sicht der Wissenschaft beleuchtete. Abgerundet wurde die
Veranstaltung mit einer Lesung des Schauspielers Otto Tausig, der
Texte von Theodor Kramer, Jura Soyfer und Berthold Viertel vortrug.

Die Gesellschaft

Vor fast genau 25 Jahren, am 6. März 1984, wurde die Theodor Kramer
Gesellschaft gegründet, um Leben und Werk Theodor Kramers zu
erforschen und zur Verbreitung der Literatur des Exils und des
Widerstandes beizutragen. Erster Vorsitzender war der
Nachlaßverwalter Kramers, Erwin Chvojka, dem Kuratorium der
Gesellschaft gehörten unter anderen Bruno Kreisky, Erich Fried und
Hilde Spiel an. Die erste Nummer der Zeitschrift "Mit der
Ziehharmonika", heute "Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils
und des Widerstands", die sich inzwischen zu einem international
anerkannten wissenschaftlichen Forum der Exilliteratur entwickelt
hat, erschien im Mai 1984.

1987 erweiterte sich der Interessensbereich der Gesellschaft in
Richtung stärkerer Berücksichtigung der gesamten österreichischen
Exilliteratur. Seit 1990 gibt die Theodor Kramer Gesellschaft das
Jahrbuch "Zwischenwelt" heraus. Der Verlag entstand 1995 aus der
Notwendigkeit, aus Österreich vertriebenen Autorinnen und Autoren
eine Möglichkeit zur Publikation ihrer Werke zu bieten. Wichtig ist
der Gesellschaft dabei auch der kritische Blick, den Exilierte oder
aus dem Exil Zurückgekehrte auf das Land ihrer Herkunft werfen. Die
Gesellschaft hat bisher eine Reihe wissenschaftlicher Symposien und
viele kulturelle Veranstaltungen abgehalten.

Theodor Kramer (1897-1958)

Theodor Kramer wurde am 1. Januar 1897 als Sohn des jüdischen
Dorfarztes in Niederhollabrunn im niederösterreichischen Weinviertel
geboren. Er absolvierte die Mittelschule in Wien mit der Matura,
wurde im Ersten Weltkrieg schwer verwundet und diente bis Kriegsende
als Offizier in der österreichischen Armee. Ein anschließendes
Studium der Germanistik und Staatswissenschaften brach er ab und
arbeitete in der Folge zunächst als Beamter, Buchhändler und
Vertreter für Bücher. Ab 1931 lebte er als freier Schriftsteller. Er
schrieb ausschließlich Lyrik, errang große Erfolge und wurde im
ganzen Deutschen Sprachraum bekannt.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich wurde Kramer als
Jude ein Arbeits- und Berufsverbot auferlegt. 1939 gelang es ihm
unter großen Schwierigkeiten nach London zu emigrieren, wo er 1946
die britische Staatsbürgerschaft erhielt. 1940 bis 1941 war er als
"feindlicher Ausländer" interniert. Er fand 1943 in Guildford eine
Anstellung als College-Bibliothekar, der er bis 1957 verpflichtet
blieb. Er war Vorstandsmitglied des Österreichischen Exil-P.E.N.-
Clubs und stand in engem Kontakt zu Kollegen wie Elias Canetti, Erich
Fried und Hilde Spiel. In den 1950er Jahren vereinsamte er immer mehr
und erkrankte. 1957 wurde er auf Intervention von Freunden nach Wien
zurückgeholt, wo er eine Ehrenpension erhielt. Er starb am 3. April
1958, unglücklich und wenig beachtet, in Wien und wurde auf dem
Zentralfriedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab beigesetzt.

Kramers Werk geriet in Vergessenheit. Seine liedhafte, jedoch
unromantische Lyrik schöpft Kraft und Poesie aus einem sinnlich
erfassten Milieu der Außenseiter: der Proletarier, Landstreicher,
Handwerker, Knechte und Prostituierten. Kramer schrieb einfühlsame
Rollengedichte und eigenwillige Landschaftslyrik, literarische
Vorbilder waren dabei neben anderen Georg Trakl und Bertolt Brecht.
Der Nachlass Kramers umfasst mehr als 10.000 Werke, von denen viele
unveröffentlicht sind.

2005 edierte der Zsolnay-Verlag eine dreibändige Werkausgabe Kramers.
Zu seinem Gedenken vergibt die Theodor Kramer Gesellschaft
alljährlich den "Theodor Kramer Preis", mit dem unter anderen Stella
Rotenberg, Milo Dor und Jakov Lind ausgezeichnet wurden.

HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie - etwas
zeitverzögert - auf der Website des Parlaments im Fotoalbum:
www.parlament.gv.at (Schluss)

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
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