- 15.09.2009, 13:57:25
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Milchmarkt: Österreich weiterhin um Lösung auf EU-Ebene bemüht
Wlodkowski und Biobauern gegen Milchlieferboykott
Wien/Brüssel (OTS/aiz) - Österreich bemüht sich weiterhin,
angesichts der Milchmarktkrise eine Lösung auf europäischer Ebene zu
erreichen. Wie vonseiten des Landwirtschaftsministeriums berichtet
wird, hat die österreichische Delegation beim Informellen
Agrarministerrat im schwedischen Växjö erneut bei Gesprächen mit
Vertretern der EU-Kommission zusätzliche Maßnahmen verlangt.
Insbesondere wurde Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel mit
Nachdruck aufgefordert, die von Österreich gemeinsam mit 15 weiteren
Mitgliedsländern beim jüngsten Agrarrat eingebrachten Forderungen
nochmals zu prüfen und vor allem über ein Aussetzen der EU-weiten
Quotenerhöhung nachzudenken. Fischer Boel wollte in Växjö noch keine
konkreten Zugeständnisse machen, versprach aber, sich mit ihren
Experten zu beraten und in den nächsten Tagen Stellung zu beziehen.
Köstinger macht Milchkrise im EU-Parlament zum Thema
Österreichs Bauernvertreterin im EU-Parlament, Elisabeth
Köstinger, brachte die europäische Milchkrise gleich zu Beginn der
ersten Straßburger Plenarsitzung auf die Tagesordnung: "Mit
Erzeugerpreisen teilweise unter 21 Cent pro Liter müssen die
Landwirte ihre Milch unter den Produktionskosten verkaufen", sagte
Köstinger bei der Eröffnung der Plenarsitzung. Das Überleben vieler
bäuerlicher Familienbetriebe in der EU sei ernsthaft gefährdet.
"Viele können derzeit nur durch das Aufbrauchen persönlicher
Ersparnisse überleben. Das ist nicht tragbar. Unsere Betriebe
brauchen dringend Marktstützungsmaßnahmen. Hunderttausende
Arbeitsplätze im ländlichen Raum hängen von einer funktionierenden
Landwirtschaft ab. Es geht um eine europäische Versorgungssicherheit,
nicht nur für die Konsumenten, auch für die Bauern und ihre
Familien", so Köstinger.
Milchstreik stößt weiterhin auf Kritik
Der Präsident der Landwirtschaftskammer Österreich, Gerhard
Wlodkowski, übte heute am Rande einer Pressekonferenz erneut Kritik
am europäischen beziehungsweise österreichischen Milchstreik. "Die
offiziellen Bauernvertretungen in Frankreich, Deutschland und
Österreich machen aus guten Gründen bei diesem Lieferboykott nicht
mit, es beteiligen sich hauptsächlich Splittergruppen. Wir sind gegen
diese Aktionen, weil sie erstens nicht zielführend sind, weil sie
zweitens das Milchgeld der Bauern weiter verringern, weil drittens
die Verarbeiter bei größeren Lieferausfällen geschädigt werden und
weil Lösungen für die aktuelle Problematik nur auf EU-Ebene möglich
sind", so der Präsident.
Er verwehrte sich ausdrücklich gegen die Kritik der IG Milch, die
heimische Bauernvertretung sei nicht bemüht, die Situation der
Milchbauern zu verbessern. "Wir können keine Erzeugerpreise
festsetzen, wir können nur die politischen Rahmenbedingungen
beeinflussen, und das tun wir, soweit es irgendwie möglich ist",
sagte Wlodkowski. Er verwies in diesem Zusammenhang auf das teilweise
Vorziehen der Prämienauszahlung, die Milchkuhprämie und die Umsetzung
der bisherigen - auch von Österreich nachdrücklich geforderten -
Maßnahmen auf EU-Ebene (Fortsetzung der Intervention,
Exporterstattungen).
Beteiligung am Lieferboykott hält sich in Grenzen
Derzeit hält sich die Beteiligung an den europäischen
Lieferboykott-Maßnahmen noch in Grenzen. Wie vonseiten der
österreichischen Milchwirtschaft zu erfahren ist, kam es etwa in
Frankreich bisher zu einer Verringerung der Anlieferung um 4 bis 5%,
in Deutschland ist die Menge um 1% geringer (punktuell um 10%) und
hierzulande liegt der Rückgang aufgrund des Boykotts unter 1%.
Tirol: Milchausschuss der LK hat sich gegen Streikaufruf entschieden
Aufgrund der aktuellen Entwicklungen hat Tirols LK-Präsident Josef
Hechenberger gestern Abend eine kurzfristige Sitzung des
Kammer-Milchausschusses einberufen. Eingehend wurde das Für und Wider
eines landesweiten Streikaufrufs an alle Tiroler Milchbauern
diskutiert und abgewogen. Die Mitglieder des Gremiums waren sich
darüber einig, dass die Existenzsicherung der Bauern über allem zu
stehen hat, ein Milchstreik jedoch nicht das gewünschte Ergebnis
bringen würde. "Gerade in Zeiten, in denen jeder Euro zum Überleben
gebraucht wird, führt ein Aussetzen der Lieferungen zu einer
zusätzlich verschärften Existenzsituation. Die bereits angespannte
Einkommenslage würde sich lediglich weiter verschlechtern. Darüber
hinaus führt ein Lieferstreik zusätzlich zu einer Schwächung der
verarbeitenden Betriebe. Der heimische Lebensmittelmarkt wäre offen
für ausländische Billigware, das Konsumentenvertrauen erschüttert",
so Hechenberger. Gefordert sei jedoch die EU-Kommission in Brüssel.
Auch die Dachorganisation Bio Austria stellte heute in einer
Aussendung fest, das Wegschütten von Milch sei keine Lösung. "Ein
rasch sichtbares Zeichen zur Entspannung der Lage wäre ein Anheben
der Ladenpreise im Handel, das in weiterer Folge eine Verbesserung
des bäuerlichen Milchpreises gewährleistet", so Obmann Rudi
Vierbauch.
Mikinovic: Zivilisatorische Bankrotterklärung
Der Geschäftsführer der AMA Marketing, Stephan Mikinovic, verwies
heute auf den enormen Wert der Milch - dem wichtigsten Lebensmittel
überhaupt. "Wenn es jetzt in Österreich, dem siebentreichsten Land
der Welt und im drittreichsten Land Europas ein Problem ist, dass die
Konsumentenpreise um ein paar Cent angehoben werden, dann ist das
eine zivilisatorische Bankrotterklärung", stellte Mikinovic fest.
Manche Konsumenten würden pro Monat wesentlich mehr für einen
Handy-Klingelton ausgeben als sie für eine Anhebung der Milchpreise
auf ein faires Niveau zu zahlen hätten, wies der Geschäftsführer auf
die "verschobenen Proportionen" hin. Die AMA werde jedenfalls auch im
Zuge ihrer Gütesiegel-Kampagne auf den Mehrwert der heimischen
Milcherzeugung hinweisen.
(Schluss) kam
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