• 03.09.2009, 18:00:44
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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Morbus politicus"

Ausgabe vom 4. September 2009

Wien (OTS) - Fast ein neues Königgrätz: Die AUA ist endgültig
deutsch. Dennoch ist bis heute kein Hauch eines
Schuldeingeständnisses zu hören. Nicht vom Betriebsrat, der lange
überhöhte Gehälter verteidigt hat. Nicht von den Sozialpartner-Chefs,
die Vagn Sörensen beim letzten ernsthaften Sanierungsversuch in den
Rücken gefallen sind. Nicht von jenen Politikern, die eine
rechtzeitige, sanfte Privatisierung abgelehnt haben. Nicht von Rudolf
Streicher, der einst der AUA die verschuldete Lauda-Air aufs Auge
gedrückt hat. Nicht von den Managern, die ihre Warnrufe in Sachen AUA
lediglich als Warngeflüster in taube Politikerohren befördert haben.

*

Am Morbus politicus (auf Deutsch: wahnhafter Glaube an
Verstaatlichung und Gewerkschaft) sind einst auch Länderbank und
Bawag verstorben. Daran wird man erinnert, wenn man die Skizzen der
unfassbaren Verschandelung sieht, die nun deren ehemaligen stolzen
und schönen Hauptquartieren angetan werden soll. Seit dem Abgang
Helmut Zilks und Jörg Mauthes gibt es in dieser Stadt niemanden mehr,
der auf ihre ererbte Schönheit aufpasst. Daher haben solche Attacken
beklemmend gute Chancen auf Verwirklichung.

*

Apropos Gewerkschaft: Es ist erheiternd, mit welcher Inbrunst die
deutschen Arbeitervertreter Frank Stronach als den einzig denkbaren
Retter für Opel anbeten. Denn für die hiesigen Gewerkschaften war
Stronach noch vor kurzem der Leibhaftige. Und die oberösterreichische
SPÖ hat einen ganzen Wahlkampf mit der Angst vor einer Übernahme der
Voest durch Stronach geschlagen.

So schnell wird man in der Krise vom Teufel zum Heiland.

*

Täglich wird deutlicher, dass Ostasien klarer Sieger der
Wirtschaftskrise ist. Und was tun Europa und Österreich? Sie
diskutieren intensiv: Aktientransaktionssteuern, Aktiengewinnsteuern,
Abbau des Bankgeheimnisses, Limits für Managergehälter und der Boni
von Bankern. Was werden die künftigen Steuerpflichtigen da tun? Bloß
jammern und zahlen oder mit so viel Geschäft wie möglich nach
Schanghai, Singapur oder Hongkong wechseln?

Offenbar tut man ganz bewusst alles, damit uns China nicht erst in
zehn Jahren überholt.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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