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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Südtirol: Die Fakten"

Ausgabe vom 29. Juli 2009

Wien (OTS) - Gewiss, es ist Sommer. Dennoch ist man bass erstaunt,
wie sehr die politischen Konkurrenten und einige Medien schon wieder
unbedeutende Aussagen des unbedeutenden Martin Graf aufwerten.
Demnächst wird es vermutlich auch dann mit staatstragender Besorgnis
vorgetragene Rücktrittsaufforderungen geben, wenn der Mann bei Gelb
eine Kreuzung überquert. Ungefähr so relevant sind ja seine
Selbstbestimmungs-Forderungen zu Südtirol. Graf hat dabei nur
gezeigt, dass er die komplizierten Zusammenhänge der Südtirolpolitik
weder kennt noch begreift.

Das Gleiche gilt aber auch für seine zornbebenden Kritiker. Was
letztlich sogar einen Armin Wolf - der normalerweise schon zum
Frühstück drei nicht-grüne Politiker verspeisen möchte - zu der
erstaunten Frage an den Südtiroler Landeshauptmann veranlasste, warum
es jetzt eigentlich die ganze Aufregung gebe.

Die offenbar in Vergessenheit geratenen Fakten: Sowohl das
österreichische Parlament wie auch alle Vertretungen der Südtiroler
haben nach 1945 trotz vieler anderer Sorgen mehrfach, sehr emotional
und meist einstimmig das Selbstbestimmungsrecht für die (zuvor von
Hitler verratenen!) Südtiroler gefordert. Diese Resolutionen sind
seither auch - ganz bewusst - nie zurückgenommen worden.

Ebenso richtig ist aber auch, dass Wien und Bozen - sehr bewusst,
wenn auch nie laut ausgesprochen - seit dem Südtirolpaket 1969 das
Thema nie mehr formell angesprochen haben. Erstens, weil die
Selbstbestimmungs-Forderung in Rom derzeit nicht durchsetzbar
erscheint (obwohl sich unlängst sogar ein ehemaliger italienischer
Staatspräsident dafür ausgesprochen hat). Zweitens, um eine taktische
Reserve in der Hinterhand zu behalten, falls Italien die Südtiroler
einmal schlechter behandeln sollte als in den letzten Jahren. Politik
ist eben auch oft die Kunst des Nicht-Ausgesprochenen.

Diese Kunst ist einem Graf zweifellos zu hoch. Fast noch
problematischer sind aber seine nun billige Auftritte suchenden
Kritiker: Durch deren Aufregung wurde der raffinierte Konsens
zwischen der Wiener Diplomatie und Bozen plötzlich in die Aura von
NS-Wiederbetätigung gerückt; womit die Selbstbestimmungsforderung als
Waffe rapid entwertet wurde. Zugleich hat die Anti-Graf-Koalition der
FPÖ wieder einmal etliche Sympathisanten zugetrieben. Staatsmännisch
und weise . . .

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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