- 09.06.2009, 16:45:41
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Wohl der Kinder bei Scheidungen noch stärker berücksichtigen
Symposion der "Lobby für Kinder" zeigte Mängel im österreichischen Justiz- und Jugendwohlfahrtssystem auf - Bereits jedes dritte Kind muss Trennung seiner Eltern miterleben
Wien, 09.06.2009 (KAP) Das Wohl der Kinder muss bei Scheidungen noch
stärker im Mittelpunkt stehen, und das muss dem Staat auch
zusätzliches Geld wert sein. Das war der Tenor eines Symposions am
Wiener AKH, zu dem der Verein "Lobby für Kinder" am Montagabend
geladen hatte. Letztlich seien bei einer Scheidung alle Beteiligten
überfordert, von den Eltern über die Kinder bis zum Jugendamt und
den Familienrichtern, so die ernüchternde Erfahrung, wie sie von den
Teilnehmern des Symposions eingebracht wurde.
Die Wiener Familienrichterin Ursula Kovar kritisierte die zeitliche
Überlastung der Familienrichter, die zudem keine adäquate Ausbildung
für diesen heiklen Bereich hätten. Kovar sprach von einem
qualitativen und quantitativen "Notstand", der angesichts der
steigenden Scheidungsraten dringen behoben werden müsse. Es sei auch
bei bester Ausbildung und viel Zeit schon schwer genug, in dem
diffizilen Geflecht von Schuld und Verletzungen zwischen den beiden
Elternteilen das Beste für das Kind herauszufinden.
Auch die Rechtsanwältin Brigitte Birnbaum sprach sich dafür aus,
mehr erfahrene Richter einzusetzen. Es gebe auch zu wenig
kinderpsychologisch geschulte Gutachter, bemängelte Birnbaum, die
zudem auch ihren eigenen Berufsstand in die Kritik miteinschloss.
Aufgabe der Rechtsanwälte müsse es sein, zur Deeskalation
beizutragen und an der Findung von kreativen Lösungen bei
Scheidungen mitzuwirken, die für alle Beteiligten lebbar sind.
Deshalb brauche es auch für Rechtsanwälte Zusatzausbildungen für
Streitschlichtungsformen.
Die Bedeutung stabiler Beziehungen für erfolgreiches Lernen hob die
Rektorin der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (KPH),
Ulrike Greiner, hervor. Die oftmals massiven Leistungseinbrüche und
sozialen wie emotionalen Schwierigkeiten bei Scheidungskindern
stellten auch für die Lehrer eine große Herausforderung dar. Lehrer
würden heutzutage wie nie zuvor auch direkt mit dem "Intimraum
Familie" konfrontiert. Dafür fehle aber meist das professionelle
Rüstzeug. Greiner kündigte an, dass die KPH sich dieser
Herausforderung stellen werde und man plane Fortbildungsangebote für
diesen Bereich.
Massive Auswirkungen auf Kinder
Bereits jedes dritte Kind müsse im Laufe seines meist noch jungen
Lebens die Scheidung bzw. Trennung seiner Eltern miterleben,
verdeutlichte der Psychologe Harald Werneck die Ausmaße der
Problematik. Verschiedenste Studien über Scheidungskinder würden
zwar zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, praktisch jede zeige
aber in der einen oder anderen Form die massiven Auswirkungen auf
die Kinder auf. Diese könnten akut oder auch erst nach Jahren
auftreten. Letztlich hätten Scheidungskinder auch ein deutlich
höheres Scheidungsrisiko im späteren Leben.
Wie Werneck darlegte, hätten die Kinder ein Recht auf Information.
Eltern seien vielfach aber überfordert, ihre Kinder altersgerecht
über ihre Beziehungsprobleme und die Trennung zu informieren.
Familienrichterin Kovar forderte in diesem Zusammenhang bereits im
Vorfeld der Scheidung von professioneller Seite verstärkte
Hilfestellungen für die Eltern.
Wernecks Resümee: Jede Scheidung sei anders und in jedem Fall
brauche es individuelle Hilfe. Die dafür notwendigen Ressourcen
würden sich - wenn man die gravierenden Folgen von Scheidung in
Betracht zieht - sogar volkswirtschaftlich rechnen.
Der im Dezember 2007 gegründete Verein "Lobby für Kinder" will
"Kinder in die Mitte stellen". Mitglieder sind u.a. der Wiener
Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner, der Arbeits- und
Sozialrechtler Prof. Christian Mazal, die Leiterin des Wiener
diözesanen Schulamts, Hofrat Christine Mann, KPH-Rektorin Ulrike
Greiner und der frühere Wiener Stadtschulrats-Präsident Kurt Scholz.
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