• 08.05.2009, 09:40:17
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Zukunft der Spitäler: Geschäft oder Dienst am Menschen?

Fachleute sind einig: Effizienz und Ethik sind keine Gegensätze Politik ist gefordert: Doppelgeleisigkeiten und Klientelpolitik müssen beseitigt werden - Leadership ist gefragt

Wien (OTS) - Der Gesundheitssektor als Jobmaschine

"Das Gesundheitswesen wird stillschweigend zum Geschäft. Das ist
eine grobe Fehlentwicklung", kritisierte Dr. Michael Heinisch,
Geschäftsführer der Vinzenz Gruppe am 7. Mai 2009 vor Journalisten in
Wien. Zwar müssten sich Krankenhäuser sämtlicher bewährter
Managementkonzepte bedienen, aber die Suche nach Produktivität habe
dort zu enden, wo die Einzigartigkeit des Patienten beginnt.

Ein Gesundheitswesen, das ausschließlich von den Regeln eines
freien Marktes beherrscht wird, führe zur falschen Verteilung knapper
Ressourcen, so Heinisch. Das Management habe dem Menschen zu dienen
und nicht umgekehrt. So seien etwa die Ordensspitäler beispielgebend
bei trägerübergreifenden Kooperationen, um damit kostensparende
Synergien zu nutzen.

In Österreich, so Heinisch, sind 76 Prozent der stationären Betten
im Besitz der Länder und Gemeinden, 18 Prozent befinden sich in
freigemeinnützigen Spitälern (d.h. in Ordensspitälern) und sechs
Prozent sind im Besitz gewinnorientierter privater Krankenhäuser -
Trend steigend.

Mehr Privat oder mehr Staat?

"Wenn Staat heißt, politische Einflussnahme für Klientelpolitik
auszuüben, dann haben wir viel zu viel Staat im Gesundheitswesen.
Wenn Privat heißt, den Menschen dem Gewinn unterzuordnen, dann haben
wir viel zu viel Privat", betonte Heinisch. Es gehe vielmehr um das
Gleichgewicht der Prioritäten. Die österreichischen Ordensspitäler
seien gemeinnützig und nicht gewinnorientiert: "Bei uns steht
ausschließlich der Mensch im Mittelpunkt".

Basis für eine nachhaltige Sicherung des Gesundheitssystems sei
die Beseitigung von Reibungsverlusten und Doppelstrukturen, betonte
Heinisch. "Alles andere wäre Geldverschwendung und würde letztlich in
eine Zwei-Klassen-Medizin führen". Dagegen sei jeder Euro, der
tatsächlich für Qualität und Menschlichkeit ausgegeben werde, eine
gute Investition.

Die Schaffung von Rahmenbedingungen und Freiräumen für
professionelles Gesundheitsmanagement sei daher im Zuge der
Gesundheitsreform ein Gebot der Stunde. Hier sei, so Heinisch, die
Politik gefordert. In einer Zeit, in der es immer mehr
Therapie-Angebote und -Möglichkeiten gibt, hänge die Wirksamkeit für
die Patienten von der optimalen Abstimmung und Organisation ab.

Versorgung aus einer Hand

Mit einer Quote von 10,6 Prozent am Bruttonationalprodukt liege
Österreich mit seinen Gesundheitsausgaben in Höhe von 26 Mrd. Euro im
internationalen Spitzenfeld, erklärte Maria M. Hofmarcher, Senior
Researcher am Institut für Höhere Studien. Die Krise sei, so
Hofmarcher, vielleicht eine Chance, Gesundheitspolitik
zukunftsorientiert und relativ ideologiefrei zu gestalten. Hiezu
bedürfe es "leadership", auch seitens der Regierungsspitzen. Bei
zusätzlichen Ressourcen für den Gesundheits- und Sozialsektor in
seiner Rolle als "Jobmaschine" müsse allerdings sichergestellt
werden, dass diese Mittel ökonomisch sinnvoll eingesetzt werden - bei
hoher Qualität der Versorgung und einem ausgewogenen Zugang zu
dieser.

"Es ist nicht eine Frage der Mittelaufbringung, sondern wer der
bestgeeignete Agent für den Patienten ist, damit der Mitteleinsatz
optimiert ist", sagte Hofmarcher. Stichwort: Versorgung aus einer
Hand. Hätten etwa die Krankenkassen das Pouvoir, die Versorgung der
Patienten zu überblicken und optimal zu steuern, könnten
Doppelgeleisigkeiten verhindert werden.

Überdies, so Hofmarcher, müsse Transparenz mit zeitgemäßen Mitteln
geschaffen werden, denn Transparenz schaffe Vertrauen. Kassen,
Ministerien, Ärztekammern und andere Akteure sollten das Web mit
Informationen füttern: z. B. abrufbare Honorarordnungen oder
Übertragung von Verhandlungen in Sitzungen.

Effizienz ist Teil von Ethik

"Medizin, Ökonomik und Ethik stehen in Spannung, aber nicht im
Gegensatz zueinander", erklärte Mag. Dr. Jürgen Wallner, Institut für
Ethik in der Medizin, Med-Uni Wien. Es wäre unklug, diese drei
Bereiche gegeneinander auszuspielen. Nur durch wechselseitige
Bezugnahme der drei Disziplinen aufeinander könne im Interesse
kranker und gebrechlicher Menschen gearbeitet werden.

Medizin, Ökonomik und Ethik seien somit für die Verwendung
begrenzter Mittel gleichermaßen zuständig, meint Wallner.
Mehraufwendungen, Effizienzsteigerungen und Leistungsbegrenzungen
sind laut Wallner drei Optionen, die gemeinsam klug eingesetzt werden
müssen, um die Schere zwischen Finanzierung und Leistung nicht größer
werden zu lassen.

Wallner: "Mehr Mittel dort, wo sie eine effektive und nachhaltige
Investition darstellen - Effizienzsteigerungen dort, wo damit nicht
ein ungebührlicher Leistungsdruck auf das Personal verbunden ist -
und Leistungsbegrenzungen, die sich an Effektivität, Patientenwillen,
Effektivität und Kosten-Nutzen-Relation orientieren."

Beste Medizin als Patientenrecht

Die Frage, ob der medizinische Fortschritt allen zugute kommen
kann oder Begrenzungen durch die Ökonomie schlagend werden,
behandelte Primar Univ.-Prof. Dr. Johannes G. Meran, Vorstand der
Abteilung Innere Medizin im Krankenhaus Barmherzige Brüder Wien.
Tenor: "Die bestmögliche Behandlung als Patientenrecht?"

Neben der Forderung einer gerechten Verteilung der Mittel werden,
so Meran, an ein Gesundheitssystem aber noch weitere Forderungen
gestellt:

1. Anspruch auf bestmögliche medizinische Versorgung entsprechend 
    dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
 2. Gleicher Zugang zu den Leistungen für alle Menschen, unabhängig 
    von sozialen oder ökonomischen Voraussetzungen.
 3. Anerkennung von Selbstverantwortung und Selbstbestimmung von 
    erwachsenen, entscheidungsfähigen Patienten.
 4. Kosteneffizienz und Verschwendungsverbot.

Rückfragehinweis:
P. Leonhard Gregotsch
1010 Wien, Freyung 6/1/2/3
Arbeitsgemeinschaft der Ordensspitäler Österreichs
Telefon: 01/535 12 87/13
E-Mail: [email protected]

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