OTS0326 / 07.05.2009 / 18:12 / Channel: Politik / Aussender: Die Presse
Stichworte: CERN / Pressestimmen / Wissenschaft


"Die Presse" - Leitartikel: Abschied vom Physik Dinosaurier, von Martin Kugler

Utl.: Ausgabe vom 08.05.2009 =


   Wien (OTS) - Österreich beendet die Mitgliedschaft beim CERN:
Eine richtige Entscheidung.
Der Name CERN steht für vieles: für eine europäische
Großforschungsanlage, die international ihresgleichen sucht. Für
tiefe Erkenntnisse über den Aufbau der Materie. Für die Geburtsstunde
des Internet (die Physiker haben sich schon in den 1980er-Jahren
vernetzt). CERN steht aber auch für einen teuren Fehlschlag: Das
jüngste "Kind", der LHC, hat ja veritable Startschwierigkeiten. Für
Kritiker steht CERN sogar für eine mögliche Quelle des Weltuntergangs
- schließlich sollen dort kleine schwarze Löcher erzeugt werden. Und
nun kommt das CERN auch noch zu filmischen Ehren: Mitte nächster
Woche kommt "Illuminati" in die österreichischen Kinos, dort werden
einige Körnchen Antimaterie aus dem "Gral der Teilchenphysik"
gestohlen.
Österreich ist dem CERN im Jahr 1959 beigetreten. Und just zum 50.
Geburtstag kommt nun - ziemlich überraschend - das Aus:
Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat verkündet, die Mitgliedschaft
per Ende 2010 auslaufen zu lassen. Begründet wird das vor allem mit
dem Budget: Rund 20 Millionen Jahresbeitrag für CERN sind mehr als
zwei Drittel der Mittel, die ihm für internationale
Forschungskooperationen zur Verfügung stehen. Für andere interessante
Projekte bleibt da kaum Spielraum.
In Zeiten von Konjunktur- und Bankenpaketen, in denen die Milliarde
zur Zähleinheit der Politik geworden ist, geht es um vergleichsweise
wenig Geld: 20 Millionen Euro sind gerade einmal 0,7 Prozent der
öffentlichen Forschungsausgaben. Oder der Subventionsbedarf der ÖBB
in vier Tagen. Über die Jahre läppert sich aber doch ein
erklecklicher Betrag zusammen. Und das Wissenschaftsministerium hat -
in Zeiten der knappen Budgets - die richtige Frage gestellt: Stimmt
die Relation zwischen Kosten und Nutzen?
Österreich war einmal stark in der Teilchenphysik. Doch dieser Elan
ist verflossen, an den meisten Universitäten ist die
Forschungsrichtung ausgelaufen. Einzig das Institut für
Hochenergiephysik der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist als
österreichischer Brückenkopf für das CERN geblieben. Die Folge: Die
Zahl der wissenschaftlichen Publikationen in der Teilchenphysik ist
bescheiden. Jedenfalls viel bescheidender als in anderen Disziplinen,
in denen sich Österreich zur Weltspitze hinaufgearbeitet hat. Etwa in
der Biotechnologie, der Quantenoptik, der Materialforschung oder in
manchen Kultur- und Geisteswissenschaften. Das hängt freilich auch
mit der allgemeinen Entwicklung der Wissenschaft zusammen. Im
Vergleich zu den Lebenswissenschaften oder der Nanotechnologie mutet
die Teilchenphysik wie ein Wissenschaftsdinosaurier an: behäbig
(jedes Experiment dauert Jahre), aufwendig (riesige Anlagen sind
nötig) und wenig zukunftsträchtig (die Zeit der großen Entdeckungen
scheint vorbei zu sein).
Das Festhalten an Forschungsgebieten, die in die Jahre kommen, ist
gerade für ein kleines Land bedenklich. Ein "Forschungszwerg" kann
nur dann bestehen, wenn er in neu entstehenden Fachrichtungen Nischen
findet. Das trifft auf die Grundlagenforschung zu, bei der es gilt,
international sichtbar zu sein, genauso wie auf die angewandte
Forschung, deren Ergebnisse über nichts weniger als über die
Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft entscheiden.
Das Setzen neuer Schwerpunkte wird umso wichtiger, als mit der
Wirtschaftskrise auch die Forschungsmittel knapp werden - erst am
Mittwoch hat Statistik Austria berichtet, dass die Ausgaben für
Forschung und Entwicklung heuer nicht mehr um fast zehn Prozent wie
in den Vorjahren wachsen, sondern um bescheidene 1,8 Prozent. Dieses
Plus ist nur der Tatsache zu verdanken, dass sich die öffentliche
Hand nach langen Diskussionen doch zu einer - wenn auch moderaten -
Ausweitung des Forschungsbudgets entschlossen hat.
Die internationale Kooperation ist für kleine Länder eine
Überlebensfrage: In vielen Disziplinen braucht man
Großforschungseinrichtungen, Österreich muss sich an einigen
Projekten, die in der europäischen ESFRI-Roadmap festgehalten sind,
beteiligen, um von neuen Entwicklungen nicht ausgeschlossen zu sein.
Daher darf das Geld, das durch die Beendigung des CERN-Engagements
frei wird, keinesfalls zum Stopfen von Budgetlöchern verwendet
werden. Schon jetzt ist absehbar, dass die nächsten
Budgetverhandlungen hart werden - schließlich wurde etwa dem
Wissenschaftsfonds FWF langfristig ein hohes Budget versprochen.
Der politische Wille, weiter in die internationale
Forschungskooperation zu investieren, scheint derzeit vorhanden. Nun
müssen Taten folgen.
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