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"Die Presse" Leitartikel: Die Feel-Good-Tour des Barack Obama, von Wieland Schneider
"Die Presse" Ausgabe vom 07.04.2009
Wien (OTS) - Der US-Präsident setzt auf Good Vibes. Amerika wird
ihn daran messen, was er damit durchsetzen kann.
Die Stimmung war gut, wie schon lange nicht mehr. Und das lag nicht
nur an Berlusconis berüchtigten Showeinlagen. "Mister Obama, Mister
Obama, it's Silvio Berlusconi", hatte der italienische Premier dem
amerikanischen Präsidenten nach dem gemeinsamen Gruppenfoto
zugebrüllt. Und damit sogar der sonst so besonnenen englischen
Königin ein "Muss der so schreien?" entlockt. Dass die Queen
sichtlich not amused war, einige andere Gipfelteilnehmer sich doch -
mehr oder weniger - über den Fauxpas amüsierten, mag zur Lockerheit
am jüngsten G20-Treffen in London beigetragen haben.
Hauptverantwortlich für die Good Vibes war aber der Mann, um dessen
Aufmerksamkeit Berlusconi so lautstark gebuhlt hatte. Der strahlende
Held, in dessen Licht sich all die anderen Politiker bei dem Treffen
vor laufenden Kameras sichtlich gerne sonnten: Barack Obama.
Der neue US-Präsident gibt bei seiner Europatour die Rolle des "guten
Amerikaners" wirklich überzeugend. Er stellt sich bei Gruppenfotos in
die zweite Reihe. Er hört bei Beratungen intensiv zu. Und er bekannte
freimütig beim Treffen der 20 wichtigsten Industrie- und
Schwellenländer, dass die USA hauptverantwortlich für die weltweite
Finanz- und Wirtschaftskrise sind. Etwas, was sein Vorgänger George
W. Bush wohl nur schwer über die Lippen gebracht hätte. Spaniens
Premier Zapatero, der von Bush wegen Spaniens überstürzten
Irak-Abzugs gemobbt worden war, jubelte nach dem EU-USA-Gipfel in
Prag bereits über die neue Freundschaft zum neuen Mann im Weißen
Haus.
Obamas Nettigkeiten beschränkten sich bei seiner ersten großen
Europagipfeltour aber nicht nur auf Atmosphärisches: Beim G20-Treffen
gab er sich - wohl oder übel - damit zufrieden, dass die Europäer
nicht so große Konjunkturpakete schnüren würden, wie er sich das
gewünscht hätte.
Beim anschließenden Nato-Gipfel vermied er jeglichen Druck auf die
Verbündeten, ihr militärisches Engagement in Afghanistan maßgeblich
zu verstärken. Nicolas Sarkozy bedankte sich sogar auf einer
gemeinsamen Pressekonferenz für Obamas Verständnis dafür, dass
Frankreichs Afghanistan-Kontingent in nächster Zeit nicht anwachsen
werde. Die Nato-Staaten befanden zwar die neue US-Strategie am
Hindukusch für gut, versprachen Finanzhilfe für Projekte in
Afghanistan und auch zusätzliche Soldaten. Im Vergleich zur geplanten
amerikanischen Truppenverstärkung um 21.000 Mann nehmen sich die
europäischen Anstrengungen aber mehr als bescheiden aus. Die
angeblich internationale Militärmission in Afghanistan wird in
Hinkunft noch amerikanischer sein als schon bisher.
Obamas Bescheidenheit, Zurückhaltung und Nachsichtigkeit sind ein
klares Zeichen dafür, dass das Verbreiten von Good Vibes ein
Hauptziel seines Europabesuchs ist. So gesehen ist seine
Feel-Good-Tour bisher ein voller Erfolg. Das seit der Ära Bush in
immer grelleren Farben leuchtende Bild des "hässlichen Amerikaners"
beginnt zu verblassen, das Vertrauen der europäischen Partner zum
Bruder auf der anderen Seite des großen Teiches scheint
wiederhergestellt. Mit seiner neuerlichen Forderung nach einer
atomwaffenfreien Welt traf Obama genau den Nerv der europäischen
Bevölkerung. Und ein erstes herzliches Treffen mit Russlands
Präsidenten Dmitrij Medwedjew reichte aus, damit - nach monatelangem
Herbeifürchten eines neuen Kalten Krieges - neue
Abrüstungsverhandlungen zwischen Washington und Moskau vereinbart
wurden.
Nun versucht Obama, mit versöhnlichen Worten auch noch die Türken für
sich zu gewinnen. Eine besonders schwierige Mission, da seit dem
US-Einmarsch im Irak 2003 der Antiamerikanismus in der Türkei einen
neuen Höhepunkt erreicht hat.Gelingt es Obama, das zerschlagene
Porzellan zwischen den USA und dem Rest der Welt zu kitten, hat er
gute Voraussetzungen für die Bewältigung internationaler Probleme
geschaffen. Doch reichen wird das nicht. Vor allem in Amerika wird
man ihn daran messen, ob die neuen Sympathiewerte der USA auch der
Durchsetzung amerikanischer Interessen dienen. Auf dem Nato-Gipfel
musste sich Obama schon von US-Journalisten fragen lassen, ob sich
die Europäer mit ihren bescheidenen Zusagen für Afghanistan nicht
davongestohlen hätten. Und von Moskau über Westeuropa bis Teheran und
Nahost werden wohl noch einige testen, wann der außenpolitisch so
geduldige Obama seine Geduld verliert. Nordkoreas Raketenversuch war
erst der Anfang.
Rückfragehinweis:
Die Presse
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