- 20.03.2009, 18:32:01
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DER STANDARD - Kommentar "Einen Versuch wert" von Gudrun Harrer
Obamas Botschaft an Teheran - Ausgabe vom 21./22.3.2009
Wien (OTS) - Mit der üblichen Herablassung begrüßte die iranische
Regierung am Freitag den Vorschlag von US-Präsident Barack Obama, das
Verhältnis neu zu definieren: Man erwarte Taten, nicht Worte, hieß es
in Teheran. Wie wahr! Aber das gilt für beide Seiten - wobei es im
iranischen Falle schon ein Fortschritt wäre, wenn sich die Rhetorik
wandelte. Wenn Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad seine unsäglichen
Drohungen gegen Israel unterließe, würde er selbst am meisten dazu
beitragen, dass über den Iran wieder nüchtern geredet werden kann.
In Wahrheit kann die iranische Führung mit der Avance Obamas - und
mit ihm selbst, dessen Wahl zum Präsidenten viele Vorurteile
gegenüber den Amerikanern ad absurdum führte - ganz schlecht umgehen.
Die Obama-Rede richtet sich denn auch direkt an die Iraner und
Iranerinnen. Die Zeit ist gut gewählt: Nowruz, das Neujahrsfest, ist
eine Zeit für private Zusammenkünfte und Obama heuer der Held der
iranischen Picknickwiesen. Nicht aller, aber bestimmt vieler.
Dem hat Ahmadi-Nejad, der sich im Juni Präsidentschaftswahlen stellen
muss, wenig entgegenzusetzen. Mit Mohammed Khatami, der seine
Kandidatur zurückgezogen hat, ist ihm ein zur eigenen Profilierung
geeigneter Lieblingsgegner abhandengekommen. Die Wirtschaft geht
schlecht, die soziale Unzufriedenheit steigt. Und plötzlich steht die
Führung vor der Frage, ob die Gegnerschaft zur USA ein Bestandteil
der angeblichen revolutionären Identität ist, die längst von Anlässen
abgehoben existiert. Oder ob sie, was für einen modernen Staat
vernünftig wäre, von real existierenden Gründen abhängt und damit
reversibel ist.
Aber auch diese quasi pragmatisierte Gegnerschaft ist ja nicht vom
Himmel gefallen. Der Minderwertigkeitskomplex der iranischen Führung,
das Gefühl, auch dreißig Jahre nach der Revolution nicht als legitim
anerkannt zu werden, wurde von Obama indirekt aufgegriffen, als er
von der "Islamischen Republik" sprach, der er den ihr zukommenden
Platz in der internationalen Gemeinschaft wünschte. Das ist nicht nur
ein Abschied vom erklärten Wunsch nach "regime change", sondern eine
Anerkennung der politischen und kulturellen Rolle des Iran - dessen
Kooperation die USA ihrerseits dringend brauchen, um aus ihren
regionalen Abenteuern heil wieder herauszukommen.
Die Initiative Obamas wird auch Kopfschütteln, vor allem in Israel,
hervorrufen, aber sie ist einen Versuch wert. Die iranische Führung
ist gefordert, die Frage neu zu bewerten, was den Iran sicherer und
was ihn unsicherer macht. Ob sie prompt die adäquate Antwort geben
kann, ist mehr als fraglich. Vieles, was im Iran heute intern
passiert, stimmt äußerst pessimistisch._Wobei die Hoffnung intakt
ist, dass die von Obama eingeleitete Beruhigung die paranoiden
Zustände des Regimes, die sich auch gegen die eigenen Bürger richten,
lindern werden. Denn im Gegensatz zu dem, was Iran-Falken behaupten,
ist das eben keine lineare Entwicklung.
Rückfragehinweis:
Der Standard
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