- 18.03.2009, 12:07:57
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"ORF-DialogForum": Kommerz statt Qualität? - Britischer Journalist Nick Davies über Qualitätsjournalismus in der Krise
Publikumsdiskussion "Ausverkauf der Qualität - Steht journalistischer Anspruch vor dem Ende?"
Wien (OTS) - Der britische Journalist Nick Davies, Autor des
jüngst erschienenen Buches "Flat Earth News", war prominenter Gast
des "ORF-DialogForums" zum Thema "Ausverkauf der Qualität - Steht
journalistischer Anspruch vor dem Ende?" am Dienstag, dem 17. März
2009, vor mehreren hundert Zuhörerinnen und Zuhörern im Neuen
Institutsgebäude der Universität. Weitere Podiumsgäste bei dieser
Veranstaltung des ORF-Public-Value-Kompetenzzentrums in Kooperation
mit der Wochenzeitung "Die Zeit" und dem Institut für
Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien waren Univ.-Prof.
Fritz Hausjell, Joachim Riedl (Die Zeit"), Armin Wolf ("ZiB 2") und
Atha Athanasiadis ("News"). Moderiert wurde die Diskussion von Elisa
Vass (Ö1).
Keynote-Speaker Nick Davies erntete für seinen alarmierenden Blick
auf die britische und internationale Medienszene viel Zustimmung vom
überwiegend studentischen Publikum. Davies spricht von einer
Kommerzialisierung des Journalismus, das Grundproblem sei, dass die
kommerzielle Logik die journalistische Logik abgelöst habe. Anstoß
für sein Buch "Flat Earth News" waren die Berichte über Saddam
Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen, die zum zweiten
Irakkrieg geführt hatten. Als sich die Darstellungen als falsch
herausgestellt hatten, hätten die Medien mit dem Finger auf Regierung
und Geheimdienste gezeigt. Davies fand das irritierend: "Warum ist
uns Journalisten das passiert? Was hatten wir falsch gemacht?" Eine
Antwort darauf ist, dass immer weniger Journalistinnen und
Journalisten immer mehr Arbeit zu erledigen haben und vielfach
unhinterfragt PR-Berichte und Agenturmeldungen übernehmen.
News-Storys würden oft nicht deshalb ausgewählt, weil sie wichtig
sind, sondern weil man sie gut verkaufen kann.
Joachim Riedl, Leiter des Wien-Büros der "Zeit" gab zu bedenken, dass
Desinformation keine Erfindung von heute sei - "Desinformation ist so
alt wie das Mediengeschäft selbst" -, räumte aber gleichzeitig ein,
dass Davies' Befund nicht nur auf Großbritannien zutreffe: "In den
meisten Medienhäusern geht es in erster Linie nicht um
journalistische Qualität, sondern zunehmend um Kosteneffizienz."
Riedl wünschte sich "Zeitungen mit Charakter und Profil, die für die
Leser/innen eine Bereicherung und manchmal auch ein Ärgernis sein
sollen".
Armin Wolf zeigte sich mit Nick Davies einer Meinung, dass die
PR-Branche im Verhältnis zum Journalismus immer wichtiger werde - in
Österreich etwa gebe es doppelt so viele PR-Mitarbeiter/innen wie
Journalistinnen und Journalisten. Dennoch zeigte sich Wolf überzeigt,
dass es noch nie so viele gute und gut ausgebildete Journalistinnen
und Journalisten gegeben habe wie heute. Eine Lanze brach Wolf für
den öffentlich-rechtlichen Rundfunk: 98 Prozent aller intelligenten
Rundfunksendungen finde man in den Programmen öffentlich-rechtlicher
Medien, die für den Qualitätsjournalismus immer wichtiger werden.
Atha Athanasiadis von "News" empfahl ein probates journalistisches
Rezept zur Diagnose von Nick Davies: Gegen Abhängigkeiten von
PR-Leuten helfe ein einfacher Re-Check: "Man muss nachfragen." Im
'News'-Verlag sei es - laut Aussage des Chefredakteurs - primäre
Aufgabe der Mitarbeiter/innen, nachzufragen und Geschichten zu
überprüfen. Athanasiadis relativierte auch die Bedeutung von
Agenturen für Zeitungen und Zeitschriften: "Immer mehr Menschen
wandern ins Internet ab - man braucht heute Agenturen nicht mehr in
dem Ausmaß wie früher, weil jeder Mensch eine Agentur ist."
Univ.-Prof. Fitz Hausjell verwies mit Stolz auf das Wiener Institut
für Publizistik und Kommunikationswissenschaft: "Kein
Universitätsinstitut im deutschen Sprachraum verhilft mit so wenigen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern so vielen Studentinnen und
Studenten zu einem guten und tauglichem Studienabschluss." Die Krise
des Qualitätsjournalismus sieht er ein Österreich nicht so groß wie
in anderen Ländern: "Qualitätsjournalismus ist hierzulande nicht so
ausgeprägt, deshalb ist auch die Krise kleiner."
Das "ORF-DialogForum"
Das "ORF-DialogForum" ist eine Initiative im Rahmen der
ORF-Public-Value-Maßnahmen, um das Gespräch mit dem Publikum, den
österreichischen Institutionen, den Organisationen und Gruppen der
Zivilgesellschaft zu beleben. Im Mittelpunkt der Diskussionsreihe
stehen Herausforderungen und Perspektiven gesellschaftlicher
Verantwortung in den unterschiedlichen Lebensbereichen der Menschen.
Rückfragehinweis:
ORF - Public Value Dr. Klaus Unterberger (01) 87878 - DW 14741 [email protected] ORF-Marketing und Kommunikation Gerhard Bollardt (01) 87878 - DW 12812 [email protected] http://presse.ORF.at
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