- 12.03.2009, 19:49:50
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die soziale Verarmung sitzt mitten unter uns" (von Ingo Hasewend)
Ausgabe vom 13.03.2009
Graz (OTS) - Das ist es wieder. Das mantrahafte Rufen nach
schärferen Waffengesetzen und härteren Strafen. Am besten bringen wir
überall Überwachungskameras an und mauern unsere Schulen ein. Mit
Sicherheitsschleusen und Wachpersonal am Schultor. Ernsthaft
vorstellen mag man sich das nicht.
Ja, die Schule ist ein besonders schützenswerter Bereich und Kinder
sind uns jeden Schutz wert. Aber bringt ein Überwachungsstaat
tatsächlich den gewünschten Schutz? In den USA sind Kontrollen vor
Schulen längst Realität. Geändert hat sich wenig. Wer eine Waffe
hineinschmuggeln will, schafft das auch so. In Berlin haben Wachleute
an Schulen das subjektive Angstgefühl vor Gewalttätern gemindert.
Diese Angst wiegt bei vielen Schülern schwerer als die Angst,
überwacht zu werden. Hart ist der Schulalltag trotzdem, weil die
Gewalt roher geworden ist, auch ohne Waffen.
Denn die Gewalt beginnt an einem anderen Punkt. Zu Hause, in den
Köpfen. In unseren Köpfen. Wir müssen uns fragen, ob wir den Kindern
ausreichend zuhören - den eigenen und denen in der Nachbarschaft. Die
geistig-moralische Armut sitzt nicht mehr nur in Problembezirken. Sie
sitzt mitten unter uns. Etliche Soziologen beklagen eine soziale
Verarmung der Mittel- und Oberschicht. Weite Teile der Gesellschaft
sind nicht mehr fähig, sich in andere einzufühlen. Nur sehen wollen
das wenige.
Viele Eltern sind überfordert. Es braucht ein ganzes Dorf, wie ein
afrikanisches Sprichwort sagt, um ein Kind zu erziehen und aus ihm
eine starke Persönlichkeit zu machen. Die gesamte Gesellschaft leidet
darunter, dass Eltern zu sehr auf sich und auf ihr - oft einziges -
Kind fixiert sind. Immer öfter fehlt auch eine Einbindung in eine
Gemeinschaft, etwa einen Verein. Den Kindern täte ein ganzes Dorf
gut.
Die Gefahrenerkennung muss also früher beginnen. Die Polizei sagt,
sie komme mit ihren Möglichkeiten an solche Fakten nur per Zufall
heran, deshalb müsse auf Sensibilisierung und den Freundeskreis
potenzieller Täter gesetzt werden. Tim K. war in psychologischer
Behandlung, hatte Zugang zu Waffen, seine Freunde wussten von seiner
Faszination für Gewaltspiele. Er hat seine Tat im Internet
angekündigt. Genügen diese Indizien nicht? Doch, vorausgesetzt, es
hört jemand zu. Das kann die Gefahr mindern.
Und für das Restrisiko? Da müssen wir uns bewusst sein, dass Freiheit
einen hohen Preis hat. Freiheit ist das höchste Gut einer Demokratie.
Setzen wir sie in unserer Angst nicht aufs Spiel.****
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