- 19.02.2009, 13:31:40
- /
- OTS0216 OTW0216
"Gutenbergs Albtraum" - Auftaktveranstaltung
Wien (OTS) - "Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus - im
Brennpunkt zwischen Print und Internet" - hochkarätige
Diskussionsveranstaltung mit Miklos Haraszti (OSZE), Josef Joffe (DIE
ZEIT), Jean-Francois Julliard (Reporter ohne Grenzen International),
Dejan Anastasijevic (serbischer Journalist bei VREME), Fritz Hausjell
(Universität Wien) und Rubina Möhring (Reporter ohne Grenzen
Österreich)
Gestern Abend ging im Presseclub Concordia die
Auftaktveranstaltung des zweitägigen Medienseminars "Gutenbergs
Albtraum" über die Bühne. Zentrales Thema der Podiumsdiskussion war
der "Brennpunkt zwischen Print und Internet". Das Medienseminar
"Gutenbergs Albtraum" wird heute mit drei Panels fortgesetzt.
"Die Pressefreiheit ist noch vergleichsweise jung", betonte Rubina
Möhring (Reporter ohne Grenzen Österreich) zu Beginn der Diskussion
und verwies etwa auf die "Bill of Rights" und die Aufnahme der
Pressefreiheit in die Menschenrechtskonvention 1948. Eine Zäsur in
Sachen Pressefreiheit sei der Terror-Anschlag vom 11. September in
New York gewesen: "Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt wurden mehr
und mehr wie altes Spielzeug behandelt, das man die Ecke wirft", so
Möhring, die auf drei entscheidende Kriterien verwies: 1. Finanzielle
Krisen/Verringerung des Arbeitsmarktes, 2. Konzentration der Medien
und Redaktionen, 3. Zensur - "das betrifft auch die Selbstzensur aus
Angst vor dem Arbeitsplatzverlust. Die Konsequenz ist ein geringeres
Niveau und der Übergang zum Agenturjournalismus", so Möhring.
Bedrohung durch ökonomische Entwicklung
Der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell gab einen
Überblick über die Funktionen der Medien: "In den Demokratien haben
die Medien eine Informations-Aufgabe, eine Orientierungsfunktion, die
Rolle des Kritikers und sie sind Unterhalter. Sie müssen aber auch
den wirtschaftlichen Prozessen dienlich sein und etwa der Wirtschaft
eine Publikationsfläche anbieten." In Mitteleuropa bestehe ein
Bedrohungsszenario durch die ökonomische Entwicklung. "Die
Ökonomisierung gesellschaftlicher Bereiche hat auch die Medien
erfasst. Das führt dazu, dass Massenmedien als kommerzielle
Dienstleistungen gesehen und weniger als relevante Kulturgüter
begriffen werden", so Hausjell.
Einflussnahme von Regierungen
Miklos Haraszti, Medienbeauftragter der OSZE, gab einen Ausblick
über die Pressefreiheit in den OSZE-Ländern: "In manchen Ländern ist
die Pressefreiheit gut ausgeprägt, in manchen Ländern liegt viel im
Argen." In den ehemaligen GUS-Staaten, speziell in Weißrussland,
herrsche eine starke mediale Monopol-Stellung. Von Regierungsseite
"werden Journalisten oft beschuldigt, verleumderisch tätig gewesen zu
sein", so Haraszti, der betonte, dass in den postkommunistischen
Ländern kein Unterschied im Umgang mit Journalisten und Dissidenten
gemacht werde. Es gebe keine rechtliche Möglichkeit, die
Informationsquellen zu schützen. Haraszti verwies auch auf ein
interessantes Phänomen: "Immer dann, wenn große Entwicklungen in der
Technologie passieren, starten Regierungen den Versuch der
Einflussnahme. Dasselbe passiert mit dem Internet." In China
beispielsweise sei die Medienlandschaft "komplett unfrei", es
herrsche Zensur. Selbst internationale Unternehmen müssten sich
dieser Zensur unterwerfen. Allerdings scheine sich das Internet in
China zu einem freien Medium zu entwickeln.
China: kritische Texte nur im Internet möglich
Jean-Francois Julliard (Reporter ohne Grenzen International) ging
ebenfalls auf das Beispiel China ein: "In China gibt es heute viele
Blogs und Websites, die wesentlich mehr Freiheit als andere
Medienkanäle zulassen." Das Internet habe die Situation in China auf
jeden Fall verbessert. Viele Jugendliche hätten nur via Internet die
Möglichkeit, ihre Meinung kund zu tun. "In China ist es möglich, im
Internet kritische und sensible Texte zu schreiben, in den
traditionellen Medien ist dies unmöglich", so Julliard, der auch
aufzeigte, dass auch die politischen Führer sehr rasch begriffen
hätten, wie wichtig das Medium Internet ist: "Aber auch dessen
Kontrolle - viele Menschen sitzen hinter Gittern, weil sie eben im
Internet die Regierung kritisiert haben."
Ohne traditionelle Journalistik keine Ethik
Für den serbischen Journalisten Dejan Anastasijevic ist es
fraglich, ob der Journalismus in seiner heutigen Form auch noch in
einigen Jahren möglich ist. Gerade in Serbien sei es sehr gefährlich,
journalistisch zu agieren. "Finanzielle Interessen gewinnen an
Bedeutung, mehr als der Dienst an der Öffentlichkeit. Viele Geier
schweben über uns - etwa die Unterwelt und Regierungen", so
Anastasijevic, der auch die Problematik für den Journalismus durch
kommerzielle Interessen und die Trivialisierung ansprach: "In Form
von Citizen Journalism wird dieser Beruf von normalen Bürgern
ausgeübt, professionelle Standards werden durcheinander geworfen. Ich
bin mir nicht sicher, dass der Beruf des Journalisten in ein paar
Jahren nicht ganz anders aussieht. Die größte Gefahr besteht darin,
dass es ohne traditionelle Journalistik keine Ethik mehr gibt,
sondern nur mehr eine Informations-Masse."
Menschen müssen Meinung formulieren dürfen
Der Herausgeber der "DIE ZEIT", Josef Joffe, sieht einen Trend in
der westlichen Geschichte: "Immer wenn ein neuer Informationskanal
entstanden ist, haben die Regierungen versucht, zu kontrollieren -
ausgenommen die angelsächsischen Regierungen." Beispielsweise seien
Fernsehen und Telefon "immer gleich verstaatlicht worden". In Sachen
Kontrolle müsse aber nicht nach China geblickt werden: "In Bayern
wurden Sex-Websites von der Regierung kontrolliert und aus dem Web
genommen", so Joffe. Es müsse aber zugelassen werden, dass Menschen
ihre Meinung formulieren können. Der Einsturz der kommunistischen
Regimes sei letztendlich auf die freie Meinungsäußerung zurück zu
führen gewesen. Mit dem Blick auf die letzten 20 bis 30 Jahre könne
gesagt werden, dass sich Journalismus in Sachen Qualität verbessert
habe. "Problematisch ist, dass das Internet nicht sagt, was gut ist
und was schlecht, was Propaganda und was vertrauensvoll - das Medium
ist einfach da. Um Informationen zu filtern, braucht es Journalisten.
Der Beruf des Journalisten ist wichtig - wir unterscheiden zwischen
gut und böse", so Joffe.
Über Reporter ohne Grenzen Österreich (ROG)
Reporter ohne Grenzen Österreich setzt sich weltweit für die
Medienfreiheit und Freiheit der Reporter ein und unterstützt bei
Inhaftierung und Ermordung deren Familien. Die unabhängige
Organisation mit Sitz in Paris, Niederlassung in Österreich und mehr
als hundert Korrespondenten in aller Welt fordert aktiv den Respekt
vor den Menschenrechten und beruft sich auf den Artikel 19 der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Die Freiheit zu informieren
und informiert zu werden.
Die Pressearbeit von Reporter ohne Grenzen Österreich erfolgt in
Kooperation mit dem Presse- und Informationsdienst (PID) der Stadt
Wien.
Rückfragehinweis:
Pressestelle von Reporter ohne Grenzen Österreich ikp Wien PR und Lobbying GmbH Mag. Gerhard Auer T: 01-5247790-15 E: [email protected] Oder an die Büroleitung von Reporter ohne Grenzen Österreich Mag. Hanna Ronzheimer Reporter ohne Grenzen Österreich T.: +43 1 5810011 E.: [email protected]
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | ROG






