• 09.10.2008, 17:00:00
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"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Rechenfehler" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 10.10.2008

Wien (OTS) - Was weiß Werner Faymann, was wir alle nicht wissen?
Warum bestehen die Sozialdemokraten darauf, dass der Staat auch bei
Spareinlagen in Millionenhöhe jeden Euro garantiert? Faymann und
Noch-Kanzler Gusenbauer muss ja klar sein, dass die Erfüllung des
Versprechens im Ernstfall schnurstracks in den Staatsbankrott führt.
Wenn wir nicht annehmen wollen, dass alles aus Willfährigkeit
gegenüber unbekannten Financiers ihres Wahlkampfs oder sonstigen
Wahlhelfern geschieht, bleibt nur ein Schluss: Die SPÖ wollte dem
irischen und deutschen Vorbild folgen und die Anleger beruhigen. Dann
war es aber ein falsches Signal.
Die erste Reaktion der Sparer auf die Totalgarantie war in
Deutschland und Österreich ziemlich dieselbe: Totale Panik. Die von
Politikern vollmundig in die Wohnzimmer getragene Garantie schreckt
auf und schürt erst recht die Angst. Geht es irgendwelchen Banken
wirklich schon so schlecht, dass die Regierung um jeden Preis - auch
um den des Staatsbankrotts - haften muss?
Hoffen wir es nicht. Die Totalgarantie ist auch ohne Horrorszenario
schon schlimm genug. Sie bedeutet nichts anderes als eine Einladung
zur Spekulation. Wer künftig in Österreich in der Hoffnung auf fette
Zinsen noch so hohe Beträge bei Banken mit zweifelhaftem Ruf anlegt,
trägt kein Risiko. Der Staat hat ein Sicherheitsnetz gespannt. Geht
die Bank Pleite, bürgen die Steuerzahler für das Geld der
Spekulanten.
"Die EU müsste einen solch absurden Wettlauf um Garantien eigentlich
verbieten", sagt ein erfahrener Ökonom in Brüssel. "Niemand kann eine
hundertprozentige Garantie erfüllen." Würde tatsächlich eine der
großen "Systembanken" illiquid, hilft die Garantie genau gar nichts.
Für die Kosten müssten die Steuerzahler auf Generationen hinaus
bluten.
Diese Garantie ist also schon rein mathematisch ein Rechenfehler. Es
gibt aber auch einen zweiten. Er betrifft die Bilanzen der Banken,
die jetzt in Schieflage geraten sind.
Früher galt das Niederstwertprinzip: Die Aufwertung von Aktiven wie
Wertpapieren oder Immobilien war weitestgehend verboten. Dadurch
entstanden "stille Reserven" und diese schützten die Gläubiger.
Laut neuen, aus Amerika kommenden, aber international gültigen
Richtlinien namens IFRS (International Financial Reporting Standards)
muss in den Bilanzen der "faire Wert" angesetzt und in den
Quartalsbilanzen veröffentlich werden. Die Aktionäre wissen dadurch
theoretisch genau, was ihr Unternehmen jeweils wert ist.
Der "faire Wert" richtet sich nach den Marktpreisen. Steigen sie,
wird aufgewertet und die Gewinne (samt den daran ausgerichteten
Managergehältern) erreichen schwindelnde Höhen. Fallen die Preise,
muss abgewertet und ein Verlust ausgewiesen werden. Werden
Wertpapiere oder Immobilien wie derzeit mangels Nachfrage
unverkäuflich, ist der "faire Wert" vorübergehend praktisch Null.
Die aus den Abwertungen resultierenden gigantischen Verluste sind
aber ebenso absurd und falsch wie die vorhergegangenen Gewinne.
Die USA haben diese völlig unrealistischen Vorschriften für das
dritte Quartal bereits außer Kraft gesetzt. Europa muss schleunigst
folgen. um Banken und Börsen wenigstens eine Atempause zu
verschaffen. Sie wäre dringend notwendig, um die Märkte etwas zu
beruhigen. Das gäbe etwas Zeit, um möglichst schnell neue Regeln für
die Unterlegung riskanter Geschäfte mit Eigenkapital, für Aufsicht
und Kontrolle festzulegen.
Gelingt das, sind wir noch einmal mit einem blauen Auge davon
gekommen. Gelingt es nicht, dann gnade Gott der Weltwirtschaft.

Rückfragehinweis:
Vorarlberger Nachrichten
Chefredaktion
Tel.: 0664/80588382

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