- 01.10.2008, 11:48:15
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Falter: André Heller wendet sich von SPÖ ab
André Heller: "Warum ich mich von der derzeitigen österreichischen Sozialdemokratie verabschiede"
Wien (OTS) - In der aktuellen Ausgabe der Wiener Wochenzeitung
Falter erscheint folgender Beitrag des Wiener Künstlers André Heller:
"Je älter ich werde, desto fremder sind mir die Generalvorgänge in
der österreichischen Politik. Bei den eben abgeschlossenen Wahlen,
ihrer Ursache, ihrem Wettbewerbsstil, zahlreichen ihrer medialen
Begleitmusiken, aber auch dem uns in seinen Anbiederungsrasereien wie
Wegelagerer an jeder Ecke und Rundung des Landes grinsend
auflauernden Spitzenpersonal der Parteien hat sich meine Entfremdung
ins Chimborazohafte gesteigert.
Wahlkämpfe sind Wirbelstürme an negativer Energie, und die große
Koalition hat, wie wir erleben mussten, aus wenig mehr als düsteren
Sprösslingen dieser Wirbelstürme bestanden. Ich jedenfalls konnte
mich diesmal nicht mehr dazu überreden, noch einmal der SPÖ
Gefolgschaft zu leisten, die unter Herrn Faymann tatsächlich über
Nacht zu einer Art Zweigstelle der Kronen Zeitung verkommen ist, und
ich war auch nicht mehr gewillt hinzunehmen, dass die Caps, Prammers,
Bures und wie sie alle heißen in ihrer Auflüfterlbegeisterung keinen
Augenblick bereit waren, öffentlich den Preis, der für diesen
Auflüfterl-Selbstbetrug bezahlt wird, infrage zu stellen. Man kann
nämlich sehr darüber debattieren, wieso es seelenhygienisch
entscheidend anrüchiger sein sollte, eine schwarz-blaue Koalition zu
installieren als eine mit den jahrzehntelang approbierten Haltungen
Hans Dichands. Es ist eben mit Verlaub für manche, wahrscheinlich
altmodische, Wesen wie meine Wenigkeit und viele meiner Freunde und
Bekannten nicht so, dass sozialdemokratische oder liberale Werte in
Einklang mit Brachialpopulismus, galoppierender Menschenverachtung
und Menschenbeschädigung zu bringen wären.
Wenn der Faymann'sche Zweck solche Mittel (die zu nicht mehr als
zum desaströsesten SP-Wahlergebnis seit 1945 und dem Triumph der
Rechtsrechten taugten) heiligt, steht das dem Vorsitzenden und seiner
Partei selbstverständlich frei. Es bedeutet aber deren bewussten
Abschied von jener Gesellschaftsgruppierung, die auf nuancenreiches,
qualitätvolles Denken, Reden und Handeln beharrt.
Nun weiß ich aus Gesprächen mit hohen Funktionären der SPÖ, dass
diese Rücksichten auf Gefühle der Minderheit der Intellektuellen und
Künstler ohnedies schon allzu lange auf die Nerven gehen und beim
fugenlosen Schulterschluss mit den Stammtischweisen und den zynischen
Verdrehungswalzern als unzumutbare Behinderung erscheinen. Jetzt ist
das "Gemeinsam ein Stück des Weges gehen", wie die Lockung an
unsereins von Bruno Kreisky lautete und wie es Vranitzky und
Gusenbauer schon aus persönlichem Zugehörigkeitsgefühl zu denen, die
Thomas Bernhard Geistesmenschen nannte, ebenfalls wichtig war,
beendet.
Ich weiß, dass uns niemand Wesentlicher in der SPÖ eine Träne
nachweint, nicht einmal eine Krokodilsträne. In Wirklichkeit ist es
nach den vielen quälenden Kompromissen, die allen Beteiligten in den
letzten zehn Jahren abverlangt wurden, wahrscheinlich eine Erlösung
für beide Seiten. Bei mir bleibt, wie nach jeder Operation, ein
Schmerz, aber es ist Heilungsschmerz"
Hinweis: André Heller und Peter Huemer werden am 2. Oktober um 19
Uhr im AK Wien Bildungszentrum, 4., Theresianumgasse 16-18 statt
diskutieren. Die Veranstaltungsreihe wird von der Arbeiterkammer Wien
in Kooperation mit dem Falter organisiert.
Rückfragehinweis:
Dr. Florian Klenk
Stellvertretender Chefredakteur
Falter, Marc-Aurelstr. 9, A-1011 Wien
t: +43 1 53660 DW 924
E-mail: [email protected]
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