- 24.07.2008, 17:52:50
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Altbekannte Sündenböcke - Das Wettern gegen Öl-Spekulanten ist unsinnig - und knüpft an unheilvolle Traditionen an" von Eric Frey
Ausgabe von morgen (ET 25072008)
Wien (OTS) - Der dramatische Anstieg der Erdölpreise hat nicht nur
in Österreich eine hektische Suche nach Sündenböcken ausgelöst;
schließlich - so die Überzeugung selbst gebildeter Leute - muss
jemand dafür verantwortlich sein, dass alles teurer wird.
Und die Schuldigen waren rasch gefunden: Neben den üblichen
Verdächtigen, den Ölmultis, stehen diesmal die Spekulanten am
Pranger, die am Ölmarkt in Rotterdam die Preise hinauftreiben und
sich auf Kosten normaler Bürger bereichern. Mit Angebot und Nachfrage
habe diese Preisentwicklung nichts zu tun.
Das Bild der wild gewordenen Spekulation wird durch Zahlen bestärkt,
die belegen, dass der Markt in Erdöl-Derivativen, also virtuellen
Finanzprodukten auf Grundlage des Ölpreises, massiv gewachsen ist und
inzwischen den eigentlichen Ölhandel um ein Vielfaches übertrifft.
Dass zugleich das weltweite Finanzsystem in eine tiefe Krise
gerutscht ist, ist Wasser auf die Mühlen jener Kritiker des
Neoliberalismus, die schon von jeher die Finanzwelt für alle Probleme
der heutigen Wirtschaft verantwortlich machen, etwa der Wifo-Ökonom
Stefan Schulmeister. Sein Mantra ist die Unterscheidung zwischen
einer produktiven Realwirtschaft, in der fleißige Arbeiter und
Unternehmer echte Werte schaffen, und einer zerstörerischen
Finanzwirtschaft, die durch gierige Spekulation diese Werte wieder
zerstört.
Diese Ansichten sind aus mehreren Gründen problematisch: Sie ergeben
volkswirtschaftlich wenig Sinn, sie führen politisch in die Sackgasse
und sie verstärken populistische Reflexe, die gerade in Österreich
eine unheilvolle Tradition haben.
Spekulation auf Rohstoffpreise ist keine neue Entwicklung. Jeder
Bauer, der seine Ernte im Voraus verkauft, um Saatgut zu erwerben,
spekuliert genauso wie der Käufer implizit auf bestimmte
Preisentwicklungen. Die Erdöl-Spekulanten von heute sind etwa
Fluglinien, die sich mit Hedging vor steigenden Kerosinpreisen
schützen - was die AUA ja bekanntlich verabsäumt hat. Wer dies
hingegen tut, trägt erst recht zum befürchteten Preisanstieg bei.
Finanzinvestoren, die in Rohstofffonds anlegen, folgen damit den
Empfehlungen jener Experten, die schon seit Jahren eine kommende
Ölknappheit voraussagen. Nun ist die Versorgung mit Erdöl im Moment
tatsächlich besser, als es der tägliche Spotpreis suggeriert. Aber es
liegt in der Natur funktionierender Märkte, dass sich
Zukunftserwartungen sofort im Preis niederschlagen. Die Spekulanten
von Rotterdam treiben nicht den Preis, sie lassen sich treiben - und
können mit ihren Wetten genauso leicht Geld verlieren wie gewinnen.
Auch die von Schulmeister und Co verteufelte Finanzwirtschaft ist
kein eigenständiges Wesen, sondern ein integraler Teil der
Realwirtschaft. Sie mag manchmal auf Abwege geraten, aber das tut die
übrige Wirtschaft auch.
Die Hauptursachen der jetzigen Finanzkrise stecken etwa in Ziegel und
Beton: In den USA, Irland oder Spanien wurden viel zu viele Häuser
gebaut, die nun niemand kaufen will. Dazu kommt, dass die Amerikaner
über ihre Verhältnisse leben. Der Beitrag der Banken bestand darin,
diese Probleme in alle Welt zu tragen. Dies macht die Krise zwar
breiter, aber nicht unbedingt schlimmer.
Zugegeben, auch in den USA sind "Speculators" derzeit beliebte
Zielscheiben und dienen als Vorwand für unsinnige Gesetzesvorschläge.
In Europa haben solche Parolen einen noch schlechteren Klang. Denn
das Wettern gegen Spekulanten und Finanzhaie - als Feinde einer
bodenständigen Wirtschaft - ist fester Bestandteil des traditionellen
Antisemitismus.
Diese Assoziationen sollten einer vernünftigen wirtschaftspolitischen
Debatte nicht im Wege stehen. Aber sie sind ein weiterer Grund, auf
vorschnelle Schuldzuweisungen zu verzichten.
Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445
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