• 23.06.2008, 09:34:41
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Vom Thing zum Folketing Dänemarks Parlamentarismus ist schon bei Tacitus bezeugt

Wien (PK) - Beginnend am 7. Jänner 2008, hat die
Parlamentskorrespondenz die Parlamente der 16 Teilnehmerländer der
EURO 08 porträtiert. Wir bringen in der Folge - wieder jeweils am
Montag - die Porträts der Parlamente der anderen europäischen Staaten
von A wie Albanien bis Z wie Zypern. Heute: Dänemark.

Wilde Anfänge

"Über geringe Angelegenheiten entscheiden die Stammeshäupter, über
wichtigere die Gesamtheit. Man versammelt sich, wenn nicht ein
zufälliges und plötzliches Ereignis eintritt, an bestimmten Tagen,
bei Neu- oder Vollmond, dies sei, glauben sie, für Unternehmungen der
gedeihliche Anfang.

Ihre Ungebundenheit hat eine üble Folge. Sie finden sich nie
gleichzeitig und nicht wie auf Befehl zur Versammlung ein, vielmehr
gehen über dem Säumen der Eintreffenden zwei oder drei Tage verloren.
Sobald es der Menge beliebt, nimmt man Platz, und zwar in Waffen.
Ruhe gebieten die Priester, sie haben jetzt auch das Recht zu
strafen. Dann hört man den König an oder die Stammeshäupter, jeweils
nach dem Alter, nach dem Adel, nach dem Kriegsruhm, nach der
Redegabe. Hierbei kommt es mehr auf Überzeugungskraft an als auf
Befehlsgewalt. Missfällt ein Vorschlag, so weist man ihn durch Murren
ab. Findet er jedoch Beifall, so schlägt man mit den Schwertern an
die Schilde. Das Lob mit den Waffen ist die ehrenvollste Art der
Zustimmung."

Mit diesen Worten charakterisiert der römische Historiker Tacitus in
seiner "Germania" das parlamentarische Geschehen im - für ihn - hohen
Norden. In der Tat waren die Bewohner der Küsten von Nord- und Ostsee
verhältnismäßig demokratisch organisiert, egal, ob es sich dabei um
die Friesen, die Jüten oder die Angeln handelte. Hätte man sie damals
jedoch als "Dänen" angesprochen, man wäre auf Unverständnis gestoßen,
denn als "Dänen" empfanden sich die Bewohner Dänemarks frühestens
tausend Jahre später.

Vor allem im 10. Jahrhundert nahm das Land einen gewaltigen
Aufschwung. Wikingerfürst Gorm Grymme ("Der Grimmige"), später auch
"den Gamle" ("Der Alte") geheißen, einte die zahlreichen Kleindomänen
zu einem Königreich unter seiner Oberhoheit. Sein Sohn Harald Blatand
("Blauzahn"), der wieder tausend Jahre später drahtloser Computer-
und Mobiltelefonkommunikation seinen Namen leihen sollte, führte
Dänemark in den Hort der Christenheit. Ganz sicher schien sich
Blauzahn übrigens noch nicht zu sein, denn er ließ seinen Vater in
einem klassischen Grabhügel im Sinne Wotans und Thors begraben,
dessen Herz aber in eine eigens neben dem Grabhügel errichtete Kirche
verbringen. Unter Harald begann jedenfalls der Aufstieg Dänemark zur
Großmacht. Er selbst eroberte Norwegen, sein Sohn Sven Tveskäg
("Gabelbart") griff ab 994 nach Britannien über, wo er und vor allem
sein Sohn Knut der Große alsbald den Großteil der Inseln
beherrschten, womit sie die Grundlage für die Jahrhunderte währende
Großmachtstellung Dänemarks legten.

In der Mitte des 13. Jahrhunderts aber stürzte die dänische Monarchie
in anhaltende Thronwirren, was die Stände des Landes dazu zu nutzen
vermochten, sich alten Einfluss auf die Politik des Landes
zurückzuholen. Von König Erik V. ließen sie sich 1282 eine "Magna
Charta" zusichern, die einen klassischen mittelalterlichen
Parlamentarismus begründete. Die vier Stände - Adel, Klerus, Bürger-
und Bauerntum - erhielten im Rahmen eines Reichsrates Mitsprache an
den politischen Angelegenheiten des Landes und durften an der
Gesetzgebung, an der Festlegung von Steuern und an der
Gerichtsbarkeit mitwirken.

Naturgemäß hielten die Könige von einer solchen Praxis wenig, und
schon König Waldemar IV., welcher die Abgeordneten als "schnatternde
Gänse" abtat, sorgte nachhaltig dafür, dass der Reichsrat mehr
dekorative als realpolitische Funktion hatte. Der Hof hatte sich
nämlich ausbedungen, dass der Reichsrat erst im Nachhinein über die
jeweiligen Schritte informiert zu werden brauchte, sodass dieser auch
im Falle einer Verweigerung der Zustimmung zu den königlichen
Schritten schon überspielt war. Real beschränkte sich die Arbeit des
Reichsrates darauf, die jeweiligen Entscheidungen des Monarchen
abzunicken und hie und da eine Zahl hinter einem Komma abzuwandeln.
Der Einfluss des Reichstages sank freilich noch mehr, als die
nordischen Königreiche 1397 in der Kalmarer Union vereinigt wurden.
Nun war die Versammlung in Kopenhagen auf einen Landtag reduziert,
und die politischen Entscheidungen fielen endgültig auf einer anderen
Ebene.

Zwischen Reformation und Aufklärung

Unverhofft kam den dänischen Parlamentariern die Geschichte zu Hilfe.
1520 erhoben sich die Schweden gegen die dänische Bevormundung, und
in einem mehrere Jahre währenden Prozess gelang es ihnen, die Dänen
auf deren Reich zurückzudrängen. König Christian II. stand als
Verlierer da und musste der eigenen Elite Zugeständnisse machen, um
nicht auch des dänischen Thrones verlustig zu gehen. Da kam ihm die
Reformation entgegen, die es ihm ermöglichte, die katholische Kirche
völlig zu entmachten und sich deren Land anzueignen. Die Mandate des
Klerus im Reichsrat verfielen, und da auch Bürger- und Bauernstand in
ihrem Einfluss zurückgedrängt wurden, regierte der König fortan mit
Unterstützung des Adels, der allein als bestimmender Faktor übrig
geblieben war.

Doch die Freude des Adels währte nicht lange. Bar jeglicher
potentieller Verbündeter war er ein leichtes Opfer für die
absolutistischen Pläne der dänischen Herrscher. Unter König Christian
IV., der nicht weniger als sechs Jahrzehnte auf dem Thron saß, galt
alleine das Wort des Monarchen, der Reichsrat wurde nicht einmal mehr
einberufen.

Spätestens mit Beginn des 18. Jahrhunderts setzte ein allmählicher
Niedergang Dänemarks ein. In den "nordischen Kriegen" verloren die
Dänen zunächst die verbliebenen Besitzungen in Schweden, danach den
Einfluss im Ostseeraum. Diese Niederlagen gingen einher mit einer
Institutionenreform, unter König Friedrich IV. wurde das Amt eines
Regierungschefs geschaffen, das zumeist von Vertretern des Adels
bekleidet wurde.

Umso überraschender war, dass König Christian VII. 1770 den Grafen
Johann Bernstorff nach 19 Jahren als Premier entließ und an seiner
statt den Bürgerlichen Johann Struensee berief, der eine Symbiose von
absolutem Machtanspruch der Krone mit den Ideen der Aufklärung zu
einem "aufgeklärten Absolutismus" bewirken sollte. Struensee
erreichte zuerst seine eigene Erhebung in den Adelsstand und danach
die Anfeindung durch alle politischen Lager. Nach nur 16 Monaten im
Amt wurde Struensee, um den sich seitdem zahlreiche Legenden ranken,
im Januar 1772 verhaftet und drei Monate später hingerichtet. Seine
Nachfolger auf dem Posten des Regierungschefs zogen es vor,
unauffällig zu bleiben.

Vorerst verblieben die Regierungsgeschäfte in der Hand der Familie
Bernstorff. Johanns Neffe Andreas regierte bis 1797, dessen Sohn
Christian sodann bis 1810. Christian Bernstorff freilich musste den
absoluten Tiefpunkt der dänischen Geschichte jener Epoche erleben.
Dänemark war in den napoleonischen Kriegen offiziell neutral
geblieben, was ihm eine zweimalige Eroberung durch Großbritannien
eintrug. Vor allem nach der Devastierung Kopenhagens durch die
britische Artillerie beschloss Dänemark, sich mit Napoleon zu
verbünden. Die Folge war 1814 der Verlust Norwegens, lediglich
Island, Grönland und die Färöer blieben noch beim dänischen
Königreich. Und Dänemark beschloss, künftighin als schmucker
Kleinstaat zu agieren.

Souveräner Kleinstaat

Die Niederlage des Jahres 1814 bedeutete überraschender Weise nicht
das Ende des Absolutismus. Erst die bürgerliche Revolution von 1848
schuf auch in Dänemark völlig neue Verhältnisse auf der politischen
Bühne. Angesichts der stürmischen Entwicklungen in Paris, Berlin und
Wien stimmte der dänische König einer Verfassung zu, die eine
umfassende Gewaltenteilung vorsah. Der König und sein
"Staatsminister" waren für die Exekutive verantwortlich, die
Judikative wurde nunmehr durch unabhängige Gerichte wahrgenommen, und
für die Exekutive trat ein neues Parlament auf den Plan, das aus zwei
Kammern bestand. In den "Landsting" (Landrat) wurden Vertreter der
einzelnen Regionen gewählt (in der Regel einflussreiche Land- und
Gutsbesitzer), in den "Folketing" entsandte die wahlberechtigte
Bürgerschaft ihre Vertreter.

Alsbald bildeten sich verschiedene politische Lager heraus, von denen
um die Mitte des 19. Jahrhunderts Konservative, Liberale und
Bauernpartei die bedeutendsten waren. Anders als in
mitteleuropäischen Staaten standen die Bauern aber den Liberalen
näher, und durch den Zusammenschluss der beiden Lager übernahm die
neue "Venstre" (eigentlich "Linke") 1870 die führende Position im
Lande. Dass die konservative "Hojre" (eigentlich "Rechte") dennoch
weiter die Regierung stellte, lag einerseits daran, dass ihre
Mehrheit durch die eindeutigen Machtverhältnisse in der zweiten
Kammer des Parlaments auch weiterhin gesichert war und andererseits
an dem Umstand, dass der König in der Wahl seiner Regierung nicht an
die Parlamentsmehrheit gebunden war.

Der Vorsprung der Venstre wuchs von Wahl zu Wahl, woran auch die neu
gegründete Sozialdemokratische Partei, die 1884 erstmals den Einzug
in den "Folketing" schaffte, nichts änderte. Im Gefolge der Wahlen
1901, bei denen die Sozialdemokraten übrigens zweitstärkste Kraft
wurden, gelang es den Liberalen endlich, eine Mehrheit in beiden
Kammern zu erzielen, womit auch der Widerstand des Königs gebrochen
war. Mit Johan Deuntzer (1845-1918) begann eine 23 Jahre währende
Regierungszeit der Liberalen, die erst im Gefolge der Wahlen von 1924
zu Ende ging, als die Sozialdemokraten unter Thorvald Stauning (1873-
1942) die Regierungsverantwortung übernahmen.

Seit 1901 ist Dänemark eine konstitutionelle Monarchie, und die
Regierung muss im Parlament über eine Mehrheit verfügen,
widrigenfalls sie ihres Amtes verlustig geht. Mit der
Verfassungsreform einher ging übrigens auch die Ausweitung des
Wahlrechts hin zum allgemeinen und gleichen Wahlrecht, in dessen
Genuss ab 1915 auch die Frauen kamen, die bei den Wahlen vom April
1918 erstmals von diesem Recht Gebrauch machen konnten.

Nach dem ersten Weltkrieg, in dem Dänemark neutral geblieben war,
entwickelte sich ein ausgefasertes politisches System, bei den Wahlen
1920 traten bereits zehn Listen an, von denen sechs in den Folketing
einzogen. Im April 1924 erzielten Staunings Sozialdemokraten einen
beachtlichen Wahlsieg und gingen nach dem Vorbild der schwedischen
Schwesterpartei unter Hjalmar Branting daran, Dänemark zu einem
Wohlfahrtsstaat umzuformen. Zahlreiche Reformen wurden zum Wohle
breiter Bevölkerungsschichten umgesetzt, wobei die Palette von
gesundheits- und sozialpolitischen Maßnahmen bis zu
bildungspolitischen Initiativen reichte. Die "Volksheim"-Idee fiel
auch in Dänemark auf fruchtbaren Boden, und Stauning durfte sich von
Wahl zu Wahl über mehr Zuspruch zu seinem Programm freuen.

Diese Unterstützung bröckelte auch nicht ab, als die Folgen der
Weltwirtschaftskrise auch in Dänemark spürbar wurden. Bei den Wahlen
1932 erhielt Staunings Partei immer noch 43 Prozent der Stimmen,
hinzu kamen die Kommunisten, die erstmals in den Folketing einzogen.
Es war allerdings auch eine "Nationalsozialistische Dänische
Arbeiterpartei" (NSDAP) angetreten, welche für eine Vereinigung
Dänemarks mit Deutschland und eine "arische Volksgemeinschaft" warb.
Die Dänen wussten dieses politische Programm wohl zu deuten, 757
Stimmen lautete das ernüchternde Resultat für Hitlers dänische
Adepten.

Auch drei Jahre später standen die Dänen eindeutig hinter der
Sozialdemokratie, die knapp 47 Prozent auf sich vereinen konnte, doch
im April 1939 schien der Schatten Berlins doch bis nach Dänemark zu
reichen. Zwar blieb Stauning mit 43 Prozent unangefochten an der
Spitze, doch die NSDAP kam auf 2 Prozent, was für drei Mandate
reichte.

Ein Jahr später marschierte die deutsche Wehrmacht ohne Vorwarnung in
Dänemark ein, um von dort aus Norwegen zu erobern. Dänemark
beschränkte sich auf einen symbolischen Widerstand (insgesamt fielen
16 dänische Soldaten im Zuge der zweitägigen Kampfhandlungen) und
ordnete sich dann der Vorherrschaft der Deutschen unter, die in
Dänemark jedoch einen bemerkenswerten Sonderweg einschlugen. Sie
ließen die dänischen Institutionen unangetastet, was dazu führte,
dass der Sozialdemokrat Thorvald Stauning weiterhin Regierungschef
Dänemarks war und dass das Parlament weiterhin seine Aufgaben
wahrnehmen durfte - mit den kommunistischen Abgeordneten übrigens.

Der Überfall auf die Sowjetunion änderte die Lage erstmals.
Deutschland zwang Dänemark, die KP zu verbieten und ihre Vertreter zu
verfolgen. Außerdem musste Dänemark dem Antikominternpakt beitreten.
Zu beiden Schritten ließ sich der kranke Stauning, der Anfang 1942
starb, bewegen. Sein liberaler Nachfolger intensivierte die
Zusammenarbeit mit den Nazis sogar noch, um auf diese Weise
Repressionen zu vermeiden, welche die dänische Politik durch den ab
Sommer 1941 immer intensiver werdenden antifaschistischen Widerstand
befürchtete. Dieser nahm jedoch spätestens mit dem Sieg der Roten
Armee bei Stalingrad und der Landung der Alliierten in Italien an
Kraft zu, was schließlich dazu führte, dass die Deutschen dem
parlamentarischen System in Dänemark im August 1943 ein Ende
bereiteten. Ab diesem Zeitpunkt war Dänemark ebenso besetzt wie all
die anderen Staaten unter deutscher Okkupation.

Als die Nazis ab 1944 auch die dänischen Juden in Konzentrationslager
verschicken wollten, erfuhr der von den Kommunisten dominierte
Widerstand einen neuerlichen Aufschwung, und in regelrechtem
Fährverkehr wurden die jüdischen Mitbürger über den Öresund nach
Schweden geschmuggelt, während sich der dänische König, der auch im
Land geblieben war, demonstrativ einen Judenstern an die Brust
heftete. Die Deutschen versuchten, die Lage unter Kontrolle zu
halten, das Momentum lag aber seit dem Sommer 1944 eindeutig bei den
Dänen. Anfang Mai 1945 kapitulierten die Besatzungstruppen kampflos
und begaben sich in dänische Kriegsgefangenschaft.

Auf dem Weg ins Heute

Unmittelbar nach Kriegsende herrschte in Dänemark ein starker Trend
nach links. Staunings Nachfolger als SP-Chef, Hans Hedtoft (1903-
1955) sprach von einer "Kriegserklärung an alles, was an
kapitalistischen Elementen in unserer Gesellschaft existiert" und
setzte sich für umfassende Sozialisierungen ein. Außerdem gab es zum
zweiten Mal nach 1924 einen regelrechten Reformschub, wurden die
Löhne und die Pensionen erhöht, die Sozial- und Gesundheitsversorgung
verbessert und die Bildungschancen weiter optimiert. Bei den Wahlen
im Herbst 1945 gab es dennoch eine Überraschung. Zwar wurden die
Sozialdemokraten mit knapp 33 Prozent stimmenstärkste Kraft, die
Liberalen erzielten aber mit 32 Prozent ein Mandat mehr (49 zu 48)
als die SP. Die Konservativen kamen auf 26, die durch ihren
Widerstand gegen die Nazis erstarkten Kommunisten auf 18 Sitze.

Bei den vorgezogenen Neuwahlen im November 1947 schaffte es Hedtoft
im zweiten Anlauf, Ministerpräsident zu werden, doch war von den
marxistischen Tönen des Jahres 1945 nun nichts mehr zu hören. Er
bildete eine Koalition mit den Sozialliberalen und führte sein Land
sogar in die NATO, nachdem seine Pläne einer "skandinavischen
Verteidigungsunion" an der Neutralitätspolitik Schwedens gescheitert
waren. Zudem wurde in einer Verfassungsrevision die zweite Kammer des
Parlaments abgeschafft, das "Folketing" ist seitdem einziger
Gesetzgeber Dänemark. Nach dem überraschenden Tod Hedtofts setzte
sein Außenminister Hans Christian Hansen (1906-1960) diesen Kurs der
Sozialdemokraten fort.

Die Kombination zwischen Sozialdemokraten und Sozialliberalen (eine
Abspaltung von den Liberalen) bewährte sich auch unter dem neuen
Premier Jens Otto Krag (1914-1978), doch dessen Nachfolger Anker
Jörgensen (geb. 1922) kam ob der Wirtschaftskrise 1972/73 nachhaltig
unter Druck. Hatte sich in Dänemark für ein Vierteljahrhundert ein
recht stabiles Fünfparteiensystem (Sozialdemokraten, Liberale,
Konservative, Sozialliberale, Kommunisten) etabliert, so trat der
Populist Mogens Glistrup mit seiner "Fortschrittspartei" 1973 an, das
politische System Dänemarks grundlegend zu verändern. Glistrup war
landesweit bekannt geworden, weil er sich geweigert hatte, Steuern zu
zahlen und dafür sogar ins Gefängnis gegangen war. Zudem fiel er
durch chauvinistische und ausländerfeindliche Sprüche auf, die
angesichts des sichtbaren Einbruchs des dänischen Wohlfahrtsmodells
auf fruchtbaren Boden fielen. Bei den Wahlen 1973 wurde die
Fortschrittspartei auf Anhieb zweitstärkste Kraft hinter den
Sozialdemokraten, was Liberale und Konservative dazu nutzten,
erstmals seit 1947 wieder die Regierung zu stellen.

Doch schon nach zwei Jahren war der Lack der Rechtsregierung ab,
Anker Jörgensen kehrte bis 1982 ins Amt des Premierministers zurück.
Bei den Wahlen 1981 fiel er jedoch einem erstaunlichen Linkstrend zum
Opfer, wurden die Kommunisten doch mit 26 Sitzen zweitstärkste Kraft,
wodurch Jörgensen, auf dessen Kosten der kommunistische Triumph
gegangen war, politisch so geschwächt war, dass der konservative Poul
Schlüter (geb. 1929) abermals eine bürgerliche Regierung gegen die
Sozialdemokraten zustande brachte.

Dessen Kabinett blieb vor allem deswegen im Amt, weil die
Sozialdemokraten eine Koalition mit den Kommunisten ausschlossen, und
so bedurfte es schließlich eines Ausscherens der Sozialliberalen aus
der Schlüter-Koalition, um die Sozialdemokraten 1993 wieder an die
Macht zu bringen. Umso überraschender war ihre verheerende Niederlage
im Jahr 2001, wurden die Sozialdemokraten doch erstmals seit 1945
nicht stärkste Kraft im Parlament. Entgegen ihren Hoffnungen
schafften sie es weder bei den Wahlen 2005 noch beim vorgezogenen
Urnengang des Jahres 2007, wieder stärkste Kraft zu werden,
wenngleich der Abstand zwischen Liberalen und Sozialdemokraten 2007
nur ein halbes Prozent betrug. Der Liberale Anders Fogh Rasmussen
(geb. 1953) konnte seine seit 2001 amtierende Koalition daher
fortsetzen.

Stärkste Partei im Folketing sind also die Liberalen mit 46 Sitzen,
gefolgt von Sozialdemokraten (45) und der rechtspopulistischen
"Volkspartei" (25 Sitze), welche die Nachfolge von Glistrups
Fortschrittspartei angetreten hat. Auf Rang 4 rangieren die
Kommunisten ("Sozialistische Volkspartei") mit 23 Abgeordneten,
ebenfalls im Folketing vertreten sind die Konservativen mit 18 und
die Sozialliberalen mit 9 Sitzen. Schließlich bekam eine konservative
Abspaltung 5 Mandate, die Grünen sind mit vier Mandaten ebenfalls im
Parlament vertreten. Dazu kommen die Vertreter der Färöer (ein
Sozialdemokrat, ein Liberaler) und Grönlands (ein Sozialist, ein
Sozialdemokrat).

Grönland und die Färöer haben darüber hinaus eigene Parlamente, da
sie innerhalb Dänemarks Autonomie genießen. Grönlands Parlament, das
Landsting, besteht aus 31 Abgeordneten und wurde 1979 erstmals
gewählt. Seitdem ist die sozialistische Vorwärtspartei ("Siumut")
stets die stärkste Partei, die auch seit Gewährung der Autonomie
stets den grönländischen Premier stellt. Das Parlament der Färöer,
das Lögting, weist 33 Mitglieder auf, bei den jüngsten Wahlen im
Januar 2008 wurden die Republikaner mit 8 Mandaten stärkste Kraft,
gefolgt von den Konservativen (7), den Liberalen (7) und den
Sozialdemokraten (6) sowie der Bauernpartei (3).

Das dänische Folketing (www.Folketinget.dk ) besteht aus 179
Abgeordneten und wird in der Regel für vier Jahre gewählt. Der
Ministerpräsident kann aber jeder Zeit ohne Begründung die Königin
bitten, Neuwahlen auszuschreiben. Die Königin wird einer solche Bitte
immer nachkommen. Falls die Regierung in einer wesentliche Frage
keine Mehrheit im Folketing findet, muss der Ministerpräsident
entweder mit seiner Regierung zurücktreten oder Neuwahlen
veranlassen. Eine Partei ist im Folketing vertreten, wenn sie
mindestens zwei Prozent der abgegebenen, gültigen Stimmen oder ein
Direktmandat erzielt.

Das Parlamentsgebäude

Tagungsort des Folketing ist Schloss Christiansborg. Diese ehemalige
Königsresidenz befindet sich in der Kopenhagener Innenstadt auf einer
eigenen Insel, die "Slotsholmen" genannt wird. Bereits um 1167
errichtete hier Erzbischof Absalon, der als Gründer Kopenhagens gilt,
eine Burg. Diese gelangte unter Waldemar dem Großen in Besitz der
Krone von Dänemark. Die Befestigungsanlage war mehrfach Angriffen u.
a. der Rügener Wenden ausgesetzt. Die von den dänischen Monarchen
weiter ausgebaute Anlage wurde im 14. Jahrhundert nach dem zweiten
Krieg gegen die Hanse von den Gegnern des unterlegenen Königs
Waldemar Atterdag geschleift. Auf den Trümmern entstand das
"Københavns Slot", eine polygonale Burganlage mit Wassergraben, die
von den dort residierenden Herrschern über die Jahrhunderte aus- und
umgebaut wurde, bis sie einem Neubau weichen musste.

1736 ließ König Christian VI. die erste Christiansborg als
absolutistischen Repräsentationsbau durch den deutschen Architekten
Elias David Häusser errichten. Es entstand ein vierflügeliger Rokoko-
Palast mit Reitbahn, Hoftheater (die heute noch existieren) und
Schlosskirche am gegenwärtigen Ort. Der Bau war extrem teuer: Die
Errichtung kostete annähernd zwei Drittel der Jahreseinnahmen des
ganzen Reiches oder den Wert des Eigentums auf Seeland. In knapp 50
Jahren entwickelte sich ein großartiges Hofleben am Schloss.

Am 26. Februar 1794 brach vermutlich durch einen Kachelofen
nachmittags ein Brand im Hauptflügel aus, bei dem das Schloss mitsamt
der Schlosskirche und der königlichen Musikbibliothek bis in die
frühen Morgenstunden des Folgetages ausbrannte. Die Reitanlage, von
der aus auch die Brandbekämpfung mit einer Feuerspritze geführt
wurde, überstand die Katastrophe.

Der zweite Palast Christiansborg wurde in den Jahren 1806-28 im
zeitgemäßen Stil des Klassizismus von dem Architekten Christian
Frederik Hansen (1756-1845), einem Freund Schinkels, errichtet. Dies
war das Schloss, das den Übergang des Landes vom Absolutismus zum
Parlamentarismus erlebte. Im März 1848 versammelte sich eine
Volksmenge vor Christianborg, woraus später Dänemarks erstes
demokratisches Grundgesetz resultierte. Der König gab einige seiner
Gemächer an den Reichstag ab, der seine Arbeit im Januar 1850 im
selben Flügel aufnahm, in dem heute der Saal des Folketings liegt.
Dieser zweite Palast brannte am 3. Oktober 1884 nieder, wiederum
wahrscheinlich wegen eines Ofenbrandes. Zwar war das Gebäude im
Unterschied zum Vorgängerbau mit Brandschutzwänden, Hydranten und
anderen Vorrichtungen versehen, doch das Gewirr der Abluftrohre und -
schächte, durch das sich die Flammen ausbreiteten, war den
Löschkräften kaum bekannt. Nur die 1846 vollendete klassizistische
Schlosskirche überstand das Feuer.

1907 begann man, nachdem es zuvor jahrelange Diskussionen um den Sinn
eines solchen Gebäudes bei den veränderten politischen Gegebenheiten
gegeben hatte, mit der Errichtung der dritten Christiansborg unter
Verwendung der Grundmauern der beiden vorangehenden Schlösser. Als
Baustil fand der Neobarock Verwendung, der den "strengen"
Klassizismus ablöste. Die Wuchtigkeit sollte die Bedeutung des
Schlosses als politischer Mittelpunkt des Reiches unterstreichen. Der
Bau mit dem 90 m hohen Schlossturm wurde 1928 beendet. Seit 1918 ist
das Schloss ausschließlich Sitz des heutigen dänischen Parlaments.
1992 verwüstete ein neuerlicher schwerer Brand die Schlosskirche, sie
konnte erst im Jahre 1997 nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten
wieder eröffnet werden.

HINWEIS: In dieser Serie sind bisher erschienen: Porträts der
Parlamente der Teilnehmerländer der EURO 08 sowie eine Darstellung
des Parlamentarismus in Albanien, Andorra, Belgien, Bosnien und
Bulgarien. (Schluss)

Eine Aussendung der Parlamentskorrespondenz
Tel. +43 1 40110/2272, Fax. +43 1 40110/2640
e-Mail: [email protected], Internet: http://www.parlament.gv.at

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