• 03.06.2008, 12:40:38
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Das Parlament macht "Zukunftsmusik" Enquete über Musikvermittlung, musikalische Bildung und Ausbildung

Wien (PK) - Unter dem Titel "Zukunftsmusik. Aktuelle
Herausforderungen und musikalische Entwicklungsperspektiven in
Österreich" befasste sich eine Parlamentarische Enquete heute mit den
Themen Musik(aus)bildung, Musikvermittlung und Musikpädagogik sowie
Musikwirtschaft und Musikstandort Österreich. Der Anstoß zu der
Veranstaltung war vom Gesprächen zwischen der Präsidentenkonferenz
Musik und dem parlamentarischen Kulturausschuss ausgegangen, dessen
Vorsitzende Abgeordnete Christine Muttonen (S) in ihren
Begrüßungsworten unter Hinweis auf den breiten Teilnehmerkreis ihre
Hoffnung auf einen fruchtbaren Dialog zwischen Politik und Kultur zum
Ausdruck brachte. Sie erinnerte an die konstruktive Zusammenarbeit
aller Fraktionen im Vorfeld der Enquete und meinte, Napoleon
zitierend, Musik habe von allen Künsten den tiefsten Einfluss auf das
Gemüt, der Gesetzgeber sollte sie deshalb am meisten fördern.

Schmied: Musik ist eine "tragende Säule Österreichs"

Bundesministerin Claudia Schmied sah durch diese Enquete die Tatsache
bestätigt, dass Musik nicht nur eine tragende kulturelle Säule
Österreichs, sondern auch ein respektabler Wirtschaftsfaktor und
darüber hinaus ein wichtiger Baustein in der Persönlichkeitsbildung
junger Menschen ist. Um ihre Vielfältigkeit zu erhalten, gelte es,
die Rahmenbedingungen für eine lebendige Musiklandschaft immer wieder
neu zu definieren und zu schaffen.

Musik sei Teil der kulturellen Identität, müsse aber aus der Position
der "reinen Kunst" herausgeholt und auch in ihrer
gesellschaftspolitischen Bedeutung verstanden werden, war für Schmied
klar. Die Ministerin unterstrich dabei vor allem die Rolle der Musik
als integrative Kraft und erinnerte an Projekte wie das West-Eastern
Divan Orchestra Daniel Barenboims, die zeigen, dass gerade das Mittel
der Musik ein Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Kulturen
und Religionen auf Augenhöhe ermöglicht.

Hahn: Musikbereich ist am stärksten globalisiert

Bundesminister Johannes Hahn stellte fest, die tertiäre
Musikausbildung sei in Österreich auf einem sehr hohen Niveau, die
drei öffentlichen Musikuniversitäten hätten durchaus unterschiedliche
Profile, stünden aber weniger im Wettbewerb zueinander als im
internationalen Wettbewerb mit entsprechenden
Ausbildungseinrichtungen anderer Länder. Aus dem Umstand, dass 46 %
der Studierenden an den Musikuniversitäten nicht aus Österreich
stammen, leitete Hahn die Schlussfolgerung ab, der Musikbereich sei
der am stärksten internationalisierte und globalisierte
Studienbereich in Österreich. Es sei daher wichtig, bei der
Gestaltung der strukturellen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
auf die erhöhte Mobilität Bedacht zu nehmen.

Was die Umsetzung der Bologna-Architektur betrifft, gab Hahn zu
bedenken, drei Jahre Ausbildung seien im Musikbereich nicht
ausreichend. Eine Novellierung des Universitätsgesetzes werde mehr
Flexibilität bringen, die es erlaubt, ein Bologna-Studium auch in
acht Semestern zu absolvieren, wobei es allerdings, wie der Minister
betonte, bei der viersemestrigen Dauer des Master-Studiums bleiben
werde.

Kirchschlager: Ein guter Musikunterricht fördert die Menschenbildung

"Grundsätzliches und internationale Rahmenbedingungen" lautete das
Thema des ersten Themenblock, der bei der Enquete im Mittelpunkt
stand. Das einleitende Impulsreferat von Kammersängerin Angelika
Kirchschlager war ein Appell an die Verantwortlichen, mehr Wert auf
die musikalische Bildung und Ausbildung zu legen. Es gehe um die
Frage, sagte sie, wo unsere Wertigkeiten liegen und was uns in der
Gesellschaft wichtig ist. Man dürfe sich nicht nur auf die
Weiterverwertung und den Verkauf von Musik konzentrieren, denn es
gehe um viel mehr als um die Philharmoniker und die Sängerknaben.
Warum ist es so schwierig, guten Musikunterricht allen zugute kommen
zu lassen, fragte sie.

Kirchschlager ortet in vielen Fällen einen ineffizienten
Musikunterricht an den Schulen und sie übte Kritik an der Tendenz,
Musik und Kultur nur als ein Sahnehäubchen zu verstehen, an dem man
zuerst mit der Sparschraube zu drehen beginnt. Das sei ein Sparen am
falschen Platz, da Musik über ein großes soziales Element verfüge.
Wer musiziert, müsse etwas von sich äußern, erklärte die Sängerin,
weshalb Musizieren auch sehr viel mit Emotion und Intuition zu tun
habe. Diese Erfahrung sei um so wichtiger, als wir heute in einer
Zeit leben, in der die Ratio völlig überhand nehme, die Menschen
immer mehr zu EinzelkämpferInnen gemacht würden und es immer
schwieriger werde, aus der Anonymität herauszutreten. Im
Musikunterricht passiere Menschenbildung, und auch dies werde mehr
und mehr zur Notwendigkeit, da der kultivierte Umgang miteinander und
der Respekt voreinander verloren gehe. Somit könnte ein guter
Musikunterricht auch etwas zum Klimawandel in der Gesellschaft
beitragen, bekräftige Kirchschlager.

Sie verwies auf das erfolgreiche Projekt in Venezuela, wo man in
einer unterirdischen Garage begonnen hatte, mit Kindern und
Jugendlichen zu musizieren, und damit eine Welle von
Musikbegeisterung ausgelöst hat. Die zahlreichen Orchester zeigten
deutlich, dass hier Energien freigeworden sind. Immer mehr
hervorragende KünstlerInnen kämen heute aus den Slums. Kirchschlager
schlug auch vor, sich im Musikunterricht anstelle von zu viel Theorie
wieder mehr dem Volkslied und dem Lied an sich zuzuwenden. Man müsse
die Kinder regelmäßig mit etwas Schönem konfrontieren, denn das
Schöne dürfe kein Privileg für einige wenige bleiben.

Rantasa zu den fünf musikalischen Grundrechten

Peter Rantasa vom Music Information Center Austria, das sich die
bessere Verbreitung und den besseren Zugang zur Musik zur Aufgabe
gemacht hat, ging auf die fünf musikalischen Grundrechte ein, die vom
IMC (International Music Council) formuliert worden sind.

Hinsichtlich des Rechts aller Menschen auf freien musikalischen
Ausdruck stehe Österreich vorbildlich da, betonte er und erinnerte an
den verfassungsrechtlichen Schutz im B-VG. Schwierigkeiten gebe es
jedoch bei den Visaerteilungen und Aufenthaltsgenehmigungen. Einiges
gebe es in Österreich noch zu verbessern, um das Recht aller Menschen
auf den Erwerb musikalischer Fähigkeiten zu verwirklichen, stellte er
fest. In der so genannten "Road Map for Art-Education" werde daher
vorgeschlagen, praktizierende KünstlerInnen im Unterricht einzubinden
und eine engere Zusammenarbeit mit den Kreativen zu suchen. Auch
sollte die Lebenswirklichkeit der SchülerInnen besser berücksichtigt
werden, meinte er. Rantasa schloss sich den Aussagen von Angelika
Kirschlager vollinhaltlich an und betonte, eine gute kulturelle und
musikalische Ausbildung sei die Basis für ein starkes Publikum und
damit auch für eine starke Musikwirtschaft.

Das Recht aller Menschen auf Zugang zu musikalischen und kulturellen
Aktivitäten durch Teilnehmen, Zuhören, Kreation und Information,
sowie das Recht für Kulturschaffende auf geeignete Ausstattung, um
ihre Kunst auszuüben und durch alle Medien zu kommunizieren, sei
heute stark geprägt durch Digitalisierung und Globalisierung sowie
durch Marktkonzentration. In der Wertschöpfungskette gehe es den
Veranstaltern und KonsumentInnen in Österreich hervorragend, wobei
man für die zeitgenössische Kunst noch mehr tun könnte, bemerkte
Rantasa. Wesentlich schlechter sehe es am Tonträgermarkt aus, wo
derzeit ein umfassender Strukturwandel in Gange sei. Die Politik habe
daher darauf zu reagieren und gezielte Strategien zu entwickeln. Bei
den elektronischen Medien habe sich in den letzten Jahren viel getan,
erläuterte Rantasa, es sei jedoch erforderlich, die Präsenz
österreichischer Musik darin anzuheben. Der Experte dachte in diesem
Zusammenhang auch an Selbstverpflichtungen der Medien.

Als größte Herausforderung bezeichnete Rantasa die Realisierung des
Rechts für Kulturschaffende, gerechte Anerkennung und Bezahlung für
ihre Arbeit zu erhalten. Von diesem Ziel sei Österreich so weit
entfernt wie alle anderen Länder, stellte er fest. Die Einkommen der
KünstlerInnen lägen weit unter dem gesamtgesellschaftlichen
Durchschnitt. Die Arbeit der Kreativen habe gerecht entlohnt zu
werden, forderte er, wobei auf deren Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen
sei. All dies zeige, dass sich die Herausforderungen nicht auf
Bildung und Wissenschaft beschränken, sondern auch die Wirtschaft und
die Justiz betreffen.

Dudt: Musik ist keine Handelsware

Simone Dudt vom Europäischen Musikrat, einem Dachverband und Netzwerk
verschiedener Musikorganisationen, beleuchtete die internationalen
Rahmenbedingungen. Im Zentrum der Arbeit des Musikrats steht die
Förderung und der Schutz der musikalischen Vielfalt, sowie die
Wahrung der musikalischen Grundrechte.

Dudt ging zunächst auf die UNESCO-Konvention zur kulturellen Vielfalt
aus dem Jahr 2005 ein. Sie bezeichnete diese als die "Magna Charta"
der Kultur, denn diese verankere das Menschrecht auf kulturelle
Vielfalt im Völkerrecht. Kunst und Kultur seien somit unter anderem
als Träger von Identitäten festgelegt, weshalb diese Bereiche nicht
wie eine Handelsware angesehen werden dürfen.

Die EU sei ein eigenständiger Vertragspartner dieser Konvention und
habe sie daher in einem eigenen Dokument, der "Europäischen Agenda
für Kultur in einer globalisierten Welt", im November 2007
ausgestaltet. Darin werde die kulturelle Vielfalt beschworen und die
Kreativität als ein Katalysator bezeichnet. Kultur werde darüber
hinaus auch als ein wesentlicher Bestandteil der internationalen
Beziehungen anerkannt. Weiters werde in der Agenda die Einbeziehung
der Kultur in andere Politikbereiche gefordert (culture
mainstreaming).

Schließlich erläuterte Dudt das Dokument "Kreative Kommunikation zu
Online-Inhalten", das sich auf KonsumentInnen und Urheberrechte
konzentriere. Das Dokument stehe völlig im Geiste der
Lissabonstrategie und greift nach Ansicht Dudts zu kurz, weil es den
kulturellen Reichtum zu sehr auf den Wirtschaftsfaktor reduziere. Das
culture mainstreaming habe hier noch nicht Eingang gefunden.

In einem Ausblick auf das Jahr 2009 kündigte Dudt das Thema
Kreativität und Innovation als Schwerpunkte der EU an. Auch hier
warnte sie vor einer zu engen Interpretation und mahnte die Beachtung
des Aspekts der musikalischen Vielfalt ein.

Beim zweiten Themenblock ging es dann um aktuelle Herausforderungen
an die musikalische Bildung und Ausbildung. (Forts. PK 524)

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