• 03.12.2007, 16:48:14
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WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Stabilität mit vielen Pferdefüssen - von Michael Laczynski

Wladimir Putins Wahlsieg erfreut die Manager

Wien (OTS) - "Natürlich für Wladimir Putin. Ich bräuchte
mindestens zwei Stunden und eine Flasche Whisky, um all die guten
Dinge aufzuzählen, die er für uns getan hat" - dies antwortete eine
gewisse Nadjeschda Alexandrowna auf die Frage des Reporters der
"Herald Tribune", für wen sie denn bei der Parlamentswahl gestimmt
habe. Putin-Wähler Sergej Troschin lobte den Präsidenten dafür, dass
er Russland wieder stark gemacht hat. Und in einem sibirischen Dorf
4000 Kilometer östlich von Moskau hat ein Ehepaar aus Freude über den
Sieg der Putin-Partei ihr neugeborenes Mädchen Wyborina genannt. Der
Name leitet sich von Wybory ab, dem russischen Wort für Wahlen.

Gross ist die Freude auch im Westen, zumindest in Wirtschaftskreisen.
Daran, ihre Unternehmen in Strassen-Putin-Bau AG oder Magna Moskva
International umzubenennen, denken die Manager zwar nicht, die Losung
lautet vielmehr: Putin ist Stabilität, Stabilität ist gut. Ähnliches
vernimmt man vom politischen Parkett. Die Wahlen seien zwar weder
fair noch demokratisch verlaufen, die politische und wirtschaftliche
Zusammenarbeit solle aber ausgebaut werden, hiess es in einem
ersten, für die gesamte EU repräsentativen Statement aus Berlin.

Einem überzeugten Anhänger der freien Marktwirtschaft drängt sich
spätestens hier die Frage auf, was denn an Stabilität so grossartig
sein soll, wenn laut dem Ökonomen Joseph Schumpeter der Prozess der
schöpferischen Zerstörung das "für den Kapitalismus wesentliche
Faktum" ist. Viel wichtiger scheint jedoch die Feststellung, dass die
Lage in Russland bei Weitem nicht so eindeutig ist, wie es bei
oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat.

So wissen wir nicht, wie sich in den kommenden Monaten die Oligarchen
und Geheimdienst-Apparatschiks verhalten werden, die in den
vergangenen Jahren als loyale Trabanten um das Putinsche
Gravitationszentrum gekreist sind. Angeblich soll es bereits zu
internen Kämpfen um die Neuverteilung der Pfründe gekommen sein.

Ebenso wenig ist klar, auf welche Weise Putin seinen politischen
Einfluss für die Zeit nach der Präsidentenwahl im März absichern
will. Die Zahl der möglichen Szenarien ist unüberschaubar. Immer
wieder im Gespräch sind die Varianten Putin als Premier, Putin als
Präsident (nach eventueller Verfassungsänderung), Putin als
Gazprom-Chef oder Putin als "Nationaler Führer" nach dem Vorbild von
Irans religiösem Oberhaupt Ali Chamenei. Sollte Letzteres zutreffen,
dürfte der russische Modename im kommenden Jahr mit ziemlicher
Sicherheit "Ayatollah" lauten.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/300
http://www.wirtschaftsblatt.at

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