• 18.10.2007, 20:14:39
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Unser Fußball ist nicht gut, aber gut genug für Überraschungen" (Von Günter Sagmeister)

Ausgabe vom 19.10.2007

Graz (OTS) - Es ist erstaunlich, wie ein Großteil der gebeutelten
rot-weiß-roten Fußballseele selbst nach einem Sieg der
Nationalmannschaft reflexartig nach Ausreden sucht und findet: Die
Elfenbeinküste war gekauft. Logisch. Eine Schupferlpartie, wie die
Wiener sagen. Die Superstars um Didier Drogba haben ihre Wadeln für
die millionenschwere Champions League geschont. Das 3:2 war sogar der
"worst case", weil Josef Hickersberger jetzt Teamchef bleibt und die
Truppe nach diesem einmaligen Ausrutscher zur Euro führt.

Dass sich die Ivorer zwar "Elefanten" nennen, aber im Innsbrucker
Tivoli keinen Grashalm knicken wollten, ist die eine Seite. Dass
biedere österreichische Fußballkunst diesmal Erfolg hatte, eine
andere. Wer jetzt von einer Wende spricht, ist selber schuld.
Österreichs Fußballer haben nur das gezeigt, was schon lange nicht
mehr zu sehen war: Kampfgeist über 90 Minuten, Aggressivität,
Laufbereitschaft, ja sogar Patriotismus. Fußballer waren abgesehen
von einem Roland Linz oder Thomas Prager dieselben am Werk.
Vielleicht hat es aber geholfen, dass die letzten Lausbuben
aussortiert wurden und lauter aalglatte Fußball-Soldaten dem Kommando
ihres angezählten Chefs vertrauten.

Die Beteuerung, dass alle nur für Josef Hickersberger gelaufen seien,
ist kindlich naiv. Sind die Kicker erst jetzt draufgekommen, dass sie
etwas für ihren Trainer tun sollten? Das Märchen vom sentimentalen
Fußballer gibt es nicht, kein einziger hat während des Spiels auch
nur eine Sekunde an den Trainerposten gedacht. Aber wäre
Hickersberger gegangen worden und wäre ein neuer Teamchef gekommen,
so hätte dieser das Team auf einigen Positionen umgekrempelt.

Das Hickhack um "Hicke" hat jedenfalls gezeigt, wie groß die Gräben
im Fußball sind. Im ÖFB-Präsidium gibt es Gruppenbildung mit
unterschiedlichen Interessen. Alt-Internationale nutzen
marktschreierisch die Chance, mit Tadel an der Gegenwart die eigene
Vergangenheit reinzuwaschen. Selbst die Medienlandschaft gab
Einblicke in Eigeninteressen: Pro Jara, kontra Hicke. Herzog hin,
Constantini her.

Österreich hat ein Fußballspiel gewonnen. Kurz freuen, genießen, am
Boden bleiben. In einem Monat folgen die Partien gegen England und
Tunesien und das Spielchen beginnt von vorne. Entweder gibt es
unerträgliche Lobeshymnen, oder das Euro-Sensorium ist in
Alarmbereitschaft. Österreich wird fußballerisch zwar das schwächste
Team unter den 16 Mannschaften bei der Euro stellen. Aber es ist
sicher nicht zu schlecht, um überraschen zu können.****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
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