• 05.07.2007, 17:49:07
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"Die Presse" Leitartikel: "Nur Olympia-Gold kann man noch nicht kaufen" (von Wolfgang Wiederstein)

Ausgabe vom 6.7.2007

Wien (OTS) - Das Internationale Olympische Komitee hat schon lange
keinen Sinn mehr für Lagerfeuerromantik.
Österreichs Bergromantik alleine hat nicht gereicht, die rotweißrote
Delegation in den leicht zerknitterten Leinen-Trachtenjankern war der
große Verlierer in Guatemala City. Bei der 119. Session des
Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wurden die Weichen für die
Sport-Zukunft gestellt, der Entscheid über den Austragungsort der
Winterspiele 2014 war auch sportpolitisch geprägt. Gewählt wird aber
in Wahrheit schon lange nicht mehr, selbst die großen Nationen
sprachen am Tag danach von der größten olympischen
"Material-Schlacht", die es bisher gegeben hat. Wenn, dann war es
eine Wahl mit programmatischen Charakter.
Das Internationale Olympische Komitee folgte nicht der Tradition, der
Erfahrung oder der Besonnenheit des alten Europa. Und es verwundert
ganz und gar nicht, dass die IOC-Mitglieder dem Lockruf des Geldes
nicht widerstehen konnten. Der Sinn für Lagerfeuerromantik ist schon
längst verloren gegangen und eine Olympia-Vergabe keine Frage mehr
der Sympathie oder gar der Warmherzigkeit. Die Olympia-Gemeinschaft
hat sich vor gut zehn Jahren positioniert, die Richtung klar
vorgegeben. Die Winterreise geht in Richtung neuer Märkte, ein
Reißbrettprojekt im Kaukasus haben die Olympier nun für 2014
auserkoren, ein Ferienort an der Schwarzmeerküste, in dem sich auch
Wladimir Putin im Sommer gerne aufhält. Die olympischen Ideale sieht
offenbar nicht nur Russland als Katalysator für die wirtschaftliche
Entwicklung einer ganzen Region. Was kann da schon alpenländische
Tourismus-Tradition entgegenhalten? An Wachstum ist im Fall Salzburg
nicht mehr zu denken.

Die Winterspiele 2014 sind in Guatemala City an den Meistbietenden
versteigert worden, auch wenn sie vorerst nur als Computer-Animation
existieren. Nicht einmal die Südkoreaner mit Pyeonchang und dem
Samsung-Riesen im Rücken konnten da mithalten. Der Markt für
Wintersport im asiatischen Raum ist nach Ansicht der Olympier doch
nicht so groß. Und die Hoffnung, mit Hilfe der fünf Ringe zwischen
Nord- und Südkorea vermitteln zu können, schein letztlich doch ein
wenig zu scheinheilig zu sein. Jetzt muss man sich mit den
Asien-Games mit 15.000 Athleten zufrieden geben.
Das Plädoyer von Toni Sailer und Franz Klammer für "Spiele mit Herz"
ist auf taube Ohren gestoßen. Österreichs Nordischer Kombinierer
Felix Gottwald meinte ratlos bis zerknirscht: "Der einzige Trost, der
uns bleibt ist die Tatsache, dass man sich Olympia-Medaillen auch in
hundert Jahren noch nicht kaufen wird können!" Dem muss entgegen
gehalten werden, dass es durchaus legitim ist, mit
Milliarden-Investitionen einer Regierung und einiger Oligarchen einen
Retorten-Wintersport-Ort aus dem Boden zu stampfen.

Das Wintermärchen an der Schwarzmeer-Küste ist eine virtuelle
Winterwelt, zwischen Palmen und kaukasischen Höhen lassen sich
wunderbare olympische Ideen spinnen und verwirklichen. Sicher ist die
Region trotz der Nähe zu Tschetschenien und Abchasien sowieso. Putins
Sommersitz alleine erübrigt ja alle Fragen. Obendrein sei Russland
dafür bekannt, "höchsten Sicherheitsstandard garantieren zu können".
Mit den lästigen Umweltschützern und Olympia-Gegnern wird ein Putin
auch noch fertig. Erst bei der jüngsten Demonstration in Moskau gegen
die Zerstörung der Ökologie (Weltnaturerbe) gab es drei Festnahmen.
Aber immerhin keine Prügel-Szenen.
Das IOC ist der Meinung, die "richtige Wahl" getroffen zu haben. Dass
der Salzburger Traum geplatzt ist und bei Landespolitikern zu Tränen
geführt hat, kümmert die Herren der Ringe schon heute nicht mehr.
Seit 1994 sind bei der Vergabe der Spiele nur G8-Nationen zum Zug
gekommen, "das muss man zur Kenntnis nehmen", meint Salzburgs
Geschäftsführer Gernot Leitner. Ein eindeutiges Signal, bereits bei
der Vergabe der Sommerspiele 1996 unmissverständlich vernehmbar. 100
Jahre Olympia gab es zu zelebrieren, das Rennen aber machte damals
nicht Griechenland, sondern Atlanta dank Coca Cola.
Das IOC und die Fußballverbände Fifa und Uefa verteilen ihre
Großveranstaltungen nach eigenen Gesetzen. Nicht alles aber erhält
automatisch der Meistbieter, manchmal werden die Regeln der Kür auch
gebrochen. Wie für China (Peking 2008) und den Schwarzen Kontinent
(Fußball-WM in Südafrika 2010). Oder im Fall der Euro 2008 - ein
Geschenk für die Schweiz und Österreich. Verteilt wird es an uns nie
wieder - wie auch Olympische Spiele nicht.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

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