- 01.07.2007, 17:51:42
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"Presse"-Kommentar: Die gescheiterte "Bagdadisierung" (von Josef Urschitz)
Ausgabe vom 2. Juli 2007
Wien (OTS) - Gegen die neue Terrorwelle hilft Polizei allein
wenig. Jetzt beginnt der Kampf um die "Köpfe und Herzen".
Es ist noch einmal gut gegangen: Die "Bagdadisierung" Londons und
Glasgows durch (vermutlich) islamistische Terroristen ist am
Wochenende gescheitert, drei versuchte Terroranschläge sind
fehlgeschlagen. Aber Entwarnung gibt es nicht: Dass die britische
Hauptstadt keinen "schwarzen Freitag" erlebt hat, ist eher dem Zufall
und einer relativ dilettantischen Ausführung der Anschläge zu danken,
als einem perfekt funktionierenden Sicherheitssystem.
Großbritanniens neuer Premier Gordon Brown hat seine Landsleute denn
auch auf eine längere Zeit des de facto-Ausnahmezustandes (wie es die
höchste Terrorwarnstufe ja darstellt) vorbereitet. Und auch darauf,
dass es jederzeit krachen kann. Nicht nur in Großbritannien übrigens,
denn der Feldzug der islamistischen Fanatiker richtet sich ja
prinzipiell nicht gegen einzelne Länder, sondern insgesamt gegen den
"Westen" und dessen liberales Gesellschaftsmodell.
Nur: Was tun? Warten und hoffen, dass nichts geschieht? Brown hat
in einer ersten Reaktion die Marschroute abgesteckt: Man müsse auf
die langfristige Bedrohung durch Terrornetzwerke auf vielfältige
Weise reagieren. Militärisch, durch Sicherungsmaßnahmen, mit der
Polizei, dem Geheimdienst, aber auch mit einem "Kampf um die Köpfe
und Herzen" der Menschen.
Letzteres scheint der Schlüssel zu sein. Denn dass der Krieg gegen
den Terror militärisch allein nicht zu gewinnen ist, bezweifelt ja
kaum noch jemand. Zumindest so lange, als islamistische Terroristen
in allen westlichen Gesellschaften ein Biotop vorfinden, in dem sie
relativ frei agieren können. Ganz nach dem Motto des historischen
Massenmörders Mao, wonach sich der "Revolutionär" im Volk bewegen
können müsse "wie der Fisch im Wasser".
Wenn also Fanatikerzirkel mitten in "Londonistan", in Liverpool,
in Hamburg, aber wohl auch in Wien ganz ungestört ihren Kalifats- und
Jihad-Fantasien nachhängen und offenbar auch die Umsetzung dieser
Fantasien konkret planen können, ohne dass dies (außer, wenn es
wieder einmal gekracht hat) auffällt, dann ist das das eigentlich
alarmierende an der ganzen Terror-Geschichte. Hier ist anzusetzen und
hier liegen auch die größten Defizite.
Brown hat gesagt, Großbritannien werde sich nicht beugen, nicht
einschüchtern lassen und es "niemandem erlauben, die britische
Lebensweise zu untergraben". Zumal ja nur ein sehr, sehr kleiner Teil
der Muslime extremistisch sei und die Religion durch Anwendung von
Gewalt pervertiere.
Das stimmt. In Großbritannien ebenso wie in Österreich. Aber: Die
muslimischen Organisationen in Westeuropa werden eben auch irgendwann
Farbe bekennen müssen. Schweigen zu oder gar klammheimliche Freude
über terroristische Aktionen sind in Wahrheit Unterstützung
derselben. Wenn Bomben krachen, gibt es keine Neutralität. Man
wünscht sich gegen explodierende Autos zumindest ebenso scharfe
Stellungnahmen wie gegen schlechte dänische Karikaturen. Es müssen
dabei ja nicht gleich Ahmadinejad-Puppen oder grüne Fahnen brennen.
Und die vielen linken und rechten Amerika-Hasser werden sich
fragen müssen, ob das Motto "der Feind meines Feindes ist mein
Freund" wirklich ein tragfähiges Konzept ist. Und ob es für
Intellektualität spricht, wenn Toleranz so ausgelegt wird, dass
totalitäre Ideologien wie der grassierende Islamismus als
bereichernde Folklore von Zuwanderern verharmlost wird.
Wenn der Kampf gegen den Terror erfolgreich sein soll, dann wird
man versuchen müssen, mit der überwiegenden "stillen" Mehrheit der
Muslime in Westeuropa zu einem integrativen Kompromiss zu kommen. Was
von beiden Seiten beträchtliche Anstrengungen erfordern wird. Dann
wird man aber auch versuchen müssen, sich vom kleinen Rest, der von
der islamistischen Weltherrschaft träumt, zu trennen. Denn wer
glaubt, Intoleranz durch Toleranz besiegen zu können, dem sei das
Studium der Geschichte empfohlen. Oder die Lektüre des
unverdienterweise ein wenig in Vergessenheit geratenen Max
Frisch-Werks "Biedermann und die Brandstifter".
In den ersten Stunden und Tagen nach den versuchten Anschlägen
haben die Briten das Brown-Konzept mustergültig umgesetzt: Trotz
hoher Sicherheitsvorkehrugen ist das Leben in London relativ
unhysterisch weitergegangen, keine einzige der geplanten
Großveranstaltungen wurde abgesagt. Eine klare Niederlage für die
Terroristen also. Und genau das ist der einzig erfolgversprechende
Weg: Unaufgeregt, aber konsequent in der Sache.
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