- 28.06.2007, 17:32:26
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"Presse"-Kommentar: Ärzte sollen heilen und nichts anderes. Oder? (Leitartikel von Martin Kugler)
Ausgabe vom 29. Juni 2007
Wien (OTS) - In Österreich tut man so, als ob man mit Medizin kein
Geld verdienen dürfte. Wie verlogen.
Österreichs "Hormonpapst" Johannes Huber hat in der Affäre um die
Zelltherapie gegen Krebs keine gute Figur gemacht. Nach einem
fulminanten Start per "News-"Artikel, in dem die neue "Wunderwaffe"
angepriesen wurde, hat er recht unbeholfen auf die Vorwürfe, er würde
privat von der Forschung in öffentlichen Einrichtungen profitieren,
reagiert. Jeden Tag kam neue Kritik, die Huber wenig glaubwürdig zu
entkräften versuchte.
Ob man eine nicht 100-prozentig fertig entwickelte Therapie
anwenden darf, ist eine offene Frage, über die seit langem debattiert
wird. Dazu nur so viel: Es ist verständlich, dass sich Patienten, die
keinen anderen Ausweg mehr sehen, weil alle anderen Therapien
erfolglos waren, an jeden Strohhalm klammern. Und dass sie auch
bereit sind, dafür zu bezahlen. Der Mediziner muss abwägen und
entscheiden, ob er Hilfe leisten kann. Oder sogar muss.
Die Aufregung kochte aber erst über, als bekannt wurde, dass Huber
und weitere Ärzte Anteile an der Firma "Cell Med" halten. Dieses
Kremser Biotech-Unternehmen widmet sich der Entwicklung der
Zelltherapie und in weiterer Folge der Vermarktung. Am Mittwoch
schließlich haben sich Huber und mit ihm drei Kollegen des Wiener
Allgemeinen Krankenhauses (AKH) aus "Cell Med" zurückgezogen - und
plötzlich ist Schluss mit der Diskussion. Das ist schade. Denn hinter
der "Affäre Cell Med" stecken grundsätzliche Probleme, die in der
sehr oberflächlich und reißerisch geführten Diskussion niemals
angesprochen wurden.
Nachdenken muss man vor allem über das Verhältnis zwischen
Grundlagenforschung und angewandter Forschung. In den Köpfen vieler
Menschen sind das absolute Gegensätze: Die hehre Wissenschaft muss
demnach frei sein - sobald jemand an Gewinne aus der Anwendung denkt,
wird das als suspekt und sittenwidrig angesehen.
Die Realität ist freilich anders. In vielen
Wissenschaftsdisziplinen lassen sich die beiden Bereiche nicht mehr
fein säuberlich trennen. In der Nanotechnologie oder noch stärker in
den Lebenswissenschaften wie Biotechnologie oder Medizin verfließen
die Grenzen. Dazu kommt noch, dass die Grundlagenforschung an den
Universitäten nicht gerade fürstlich dotiert ist. Die Politik hält
die Wissenschafter dazu an, Drittmittel einzuwerben und stärker mit
der Wirtschaft zu kooperieren. Zudem fordert die Politik, dass
weniger Forschungsergebnisse als bisher in universitären Schubladen
verstauben, sondern durch Anwendung zu einem Schub für Österreichs
Wirtschaft beitragen - hier hinken Europa und insbesondere Österreich
der internationalen Entwicklung nach.
Am wünschenswertesten ist sicher eine Verknüpfung von Wirtschaft
und Forschung, wie es sie an vielen ausländischen Universitäten gibt
- und spät, aber doch auch in Österreich anläuft: An den
wirtschaftlichen Verwertungen universitärer Forschungsergebnisse
werden dort der Wissenschafter, sein Institut und seine Uni
gleichermaßen beteiligt.
In Österreich läuft das üblicherweise - noch - anders; Huber und
seine Kollegen sind da keine Ausnahme. Sie haben Initiative gezeigt -
ein Unternehmen gegründet, um die Entwicklung der Therapie
voranzutreiben und zusätzliche Mittel mobilisiert. Und: Sie haben
sogar privates Geld bei der Gründung der Firma "Cell Med" eingesetzt.
Dass sie damit vielleicht irgendwann Geld verdienen - aber auch
verlieren - könnten, liegt in der Natur der Sache.
Wie man jetzt weiß, haben sich die Professoren aber genau damit in
die Nesseln gesetzt. Was für die "normale" Forschung gilt, ist in den
medizinischen Wissenschaften offenbar verboten. Man tut in Österreich
so, als ob man mit Medizin kein Geld verdienen dürfe. Diese Ansicht
ist falsch. Und sie ist verlogen. Selbstverständlich wird mit Medizin
Geld verdient: Zigtausende Österreicher leben davon, ebenso unzählige
Unternehmen, von Medizingeräte-Herstellern über Labors und Apotheken
bis hin zur Pharmawirtschaft. Die Medizin ist damit einer der größten
Wirtschaftssektoren des Landes.
Gewiss: Medizin ist in vielerlei Dingen anders als andere
Forschungsbereiche und Wirtschaftssektoren. Es gibt schwierige
ethische Fragen zu lösen - ob man immer darf, was man kann. Brisant
sind auch soziale Fragen - ob medizinische Versorgung für jedermann
leistbar bleibt. Aber die Gesetze der Wirtschaft sind deswegen nicht
ausgeschaltet. Auch in der Medizin gibt es Märkte, Marktkräfte,
Effizienz, Angebot und Nachfrage. Und: Es muss auch Unternehmen geben
dürfen, die sich auf diesen Märkten bewegen. Das wird wohl niemand
bezweifeln. Oder doch?
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
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