- 22.06.2007, 18:39:33
- /
- OTS0296 OTW0296
"Die Presse": Leitartikel: "Wir brauchen keine Charismatiker" (von Michael Fleischhacker)
Ausgabe vom 23.06.07
Wien (OTS) - Das Gezerre um die institutionelle Reform der Union
geht trotz Show-Effekten am Leben der Europäer vorbei.
Alexander Kwasniewski hat Humor. Der Mann, der mit 41 Jahren
Oberhaupt des sechstgrößten europäischen Staates wurde und auch bei
seinem Amtsantritt 1995 schon auf eine herzeigbare politische
Karriere zurückblicken konnte, lacht gelegentlich sogar über den
ehemaligen polnischen Staatspräsidenten gleichen Namens. Vor allem
dann, wenn er mit sichtlichem Genuss die Grenzen zwischen
Überholspur-Eitelkeit und Selbstironie auslotet. Kommt das Gespräch
auf seinen Nachfolger im Amt, den "milderen" der beiden
Kaczynski-Brüder, ist es mit Kwasniewskis Humor allerdings vorbei.
Am Donnerstagabend, den er als Gast des "Instituts für die
Wissenschaften vom Menschen" und der "Presse" in Wien verbrachte, war
das bei jener Geschichte der Fall, über die inzwischen ganz Europa
den Kopf schüttelt: Polen, heißt es, wolle in die Berechnung der
Stimmgewichte im Rat auch die Kriegstoten einbeziehen. Den
Kaczynski-Zwillingen Lech und Jaroslaw, die derzeit die polnische
Staatsspitze bilden, traut man ja inzwischen alles zu. Ihr Versuch,
ein katholisch-autoritäres Polen zur Insel der Moral im europäischen
Meer des Säkularimus zu schaffen, überfordert naturgemäß den
politischen Humor der meisten Beobachter.
Zugleich kursieren, wie immer, wenn die Repräsentanten der
Staatsgewalt mehr die Gewalt als den Staat repräsentieren, zahllose
Witze über die tollpatschigen Herrscher-Brüder. So lautet etwa die
korrekte Antwort auf die Frage, was die Kaczynskis auf dem
Tennisplatz machen: Sie spielen Volleyball.
Alexander Kwasniewski hat auch das, was wir - in Anlehnung an Max
Webers dreistufige Definition der legitimen Herrschaftsformen -
"Charisma" nennen. Etwas weniger soziologisch, aber sehr
österreichisch sprechen wir von "Charisma", wenn wir zum Ausdruck
bringen wollen, dass ein durch den unvorhersehbaren Zufall eines
Wahlergebnisses von der Hinter- auf die Regierungsbank gespülter
Politiker mehr vermittelt als nur die Bereitschaft zur unauffälligen
Erfüllung der administrativen Aufgabe, die ihm im Rahmen der
verfassungsmäßigen Aufteilung der Agenden einer österreichischen
Bundesregierung zugefallen sind, ohne dass er wirklich wüsste, wie
ihm dabei geschieht.
Ob man die Aura, die autoritäre Herrscher verbreiten, korrekterweise
mit "Charisma" bezeichnen dürfe, ist eine alte Streitfrage. Darf man
Hitler oder Stalin, Mao oder Ceausescu wegen ihrer auratischen
Wirkung auch auf große Geister als "Charismatiker" bezeichnen oder
wäre das der pure Zynismus angesichts der Millionen Opfer, die dieses
"Charisma" forderte? Ihre ständige Aktualisierung auf kleiner Flamme
erfährt diese Frage in der Bewertung populistischer Anführer. Sind
Figuren wie Jörg Haider oder eben die Kaczynskis, die je nach Thema
und Tagesverfassung irgendwo zwischen lächerlich und bedrohlich
oszillieren, als "charismatisch" korrekt beschrieben?
Immerhin, heißt es, bringen solche Figuren etwas Farbe in das immer
mehr ins bleierne Grau tendierende politische Bild. Überall dort, wo
die politische Friedhofsruhe in Form von großen Koalitionen oder
sonstigen Sackgassenkonstellationen die Menschen in politische
Lethargie stürzt, ertönt der Ruf nach Charismatikern. In Österreich
plädierten, als es um die Nominierung eines ÖVP-Vizekanzlers ging,
auch ernsthafte Menschen für den kristallbunten
Sprechblasenfabrikanten Karl-Heinz Grasser anstelle des
kirchenmausgrauen Kanzleradjutanten Wilhelm Molterer.
In Deutschland setzten die Sozialdemokraten auch im Angesicht der
sicher scheinenden Niederlage noch auf ihren vollkommen
substanzlosen, aber dennoch den ununterbrochenen Genieverdacht gegen
sich selbst hegenden Kanzlerdarsteller Gerhard Schröder - und er
hätte es fast geschafft.
Auch im Café Europa zerreißt in regelmäßigen Abständen ein gellender
Ruf nach der Rückkehr der Charismatiker den gleichmäßig aus den
Lautsprechern kriechenden Katzenjammerton: Einen Delors müsste man
haben, einen Mitterrand oder einen Kohl, dann würde die Geschichte
anders aussehen.
Nein, würde sie nicht. Es sind nicht die Charismatiker, die
Geschichte machen, es ist die Geschichte, die Charismatiker macht.
Und die Geschichte hat ihren Job im Wunderjahr 1989 erledigt. Jetzt
müssen uneitle Administratoren und geistesgegenwärtige Bürokraten ans
Werk. Wenn stattdessen eitle Bürokraten und verschlafene
Administratoren als charismatische Figuren auftreten, kann es mühsam
werden. Und dauern. Nächte- und jahrzehntelang.
Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR






