• 19.06.2007, 16:01:00
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"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Nicht umdrehen, der Schattenmann geht um"

Koalition, Molterer und ÖVP haben mit Schüssel-Faktor zu kämpfen.

Wien (OTS) - Wolfgang Schüssel ist ein sensibler Politiker. Als
der Österreich-Korrespondent der "Neuen Züricher Zeitung" ihn bei
einer Veranstaltung in Alpbach mit alt-Bundeskanzler (Schweizer
Schreibweise, Schweizer Gepflogenheit) ansprach, kanzelte der
Ex-Kanzler ihn ab. Zur Verwunderung des Publikums.
Andere Politiker sind auch sensibel. Manche von ihnen in
Regierung und Parlament glauben, das Agieren Schüssels sei der Arbeit
gar nicht zuträglich. In der Koalition tue er so, als sei er noch
Bundeskanzler, und im Parlament so, als sei er
Nationalratspräsident und nicht Barbara Prammer. Ein SP-Politiker
glaubt, den Schüssel-Faktor sogar quantifizieren zu können: Die
Koalition würde um 50 Prozent besser funktionieren, hätte der
VP-Klubobmann einen anderen Job.
Und Wolfgang Schüssel ist ein erfahrener Politiker. Keiner der
gegenwärtigen Akteure kommt auch nur annähernd an seine mehr als
40-jährige Berufserfahrung heran. Kein Wunder also, dass ihm weder
Alfred Gusenbauer noch Barbara Prammer das Wasser reichen können.
Aber davon war Schüssel schon bei Franz Vranitzky, Viktor Klima und
Jörg Haider überzeugt.
Und Wolfgang Schüssel ist ein verantwortungsbewusster Politiker.
Daher weiß er, dass Politik mindestens zu 50 Prozent auch mit
Psychologie zu tun hat. Und um Psychologie geht es bei Wilhelm
Molterer. Dem neuen VP-Chef ist es intern in fünf Monaten nicht
gelungen, aus dem Schatten seines Vorgängers zu treten. Wer jahrelang
gewohnt war, zu gehorchen, stellt sich eben nicht so rasch um.
Deshalb ist es auch psychologisch klar, warum der interne Unmut
über Schüssels beinharte Spielart - und nicht nur am Fußballfeld -
noch immer nicht offen ausgebrochen ist. Vielleicht verhilft es
VP-Politikern zu mehr Mut und Zivilcourage, sich drei Fakten in
Erinnerung zu rufen: Der politische Tunnelblick der Schüssel-ÖVP war
einer der Hauptgründe für die Wahlniederlage 2006; mit Karl Heinz
Grasser als VP-Vizekanzler die eigene Partei zu überfordern, war wohl
kein strategisches Meisterstück. Vor allem: Wirklich gute
Politiker nehmen neue Gegebenheiten irgendwann auch zur Kenntnis.

So aber schaden die ganzen Unschärfen der VP-Politik, ob bei
Bildung, Pflege oder Zuwanderung; die ständigen Verdächtigungen der
Neuwahl-Provokation durch die ÖVP; der öffentliche Eindruck des
permanenten Streits nicht nur der Regierung, sondern auch der ÖVP.
Kritiker glauben, die Wurzel des Ungemachs zu kennen: Als
Klubobmann unterbinde Schattenmann Schüssel jede kleinste
Korrektur seines vergangenen Kurses. Wie soll Rot-Schwarz bei einer
solchen Beharrungspolitik zu einem positiven Erscheinungsbild kommen?
Zumal Gusenbauer tatsächlich Kraft fehlt, dieses zu
erzwingen.
Als Bundeskanzler gab Schüssel oft vor, sich von Journalisten bei
einer Tasse Kaffee Rat zu holen. Jetzt kann man ihm - völlig
ungefragt- einen solchen anbieten: Molterer und sein Team arbeiten
lassen!

Rückfragehinweis:
KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
[email protected]
www.kurier.at

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