• 15.06.2007, 18:07:12
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DER STANDARD-Kommentar "Unterberger soll bleiben" von Gerfried Sperl

Die Angriffe auf den Chef der "Wiener Zeitung": Kritik ja, Abschuss nein - Ausgabe vom 16./17.6.2007

Wien (OTS) - Früher einmal war die Wiener Zeitung eine gedruckte
Nachrichtenagentur, kombiniert mit dem Amtsblatt der Regierung und
einer Literaturbeilage, die selbst andere Tageszeitungen geschmückt
hätte. Als der heutige Chefredakteur Andreas Unterberger noch Die
Presse dirigierte, warf er die meisten Speere auf das
Regierungsblatt. Er wollte, zur besseren finanziellen Absicherung der
"ehrwürdigen alten Tante", das Amtsblatt haben. Und dessen Trägerin
abschaffen.
Unterberger musste dann, noch unter Schwarz-Blau-Orange, Die Presse
verlassen und machte, von Wolfgang Schüssel gerufen, aus der_Wiener
Zeitung eine richtige Zeitung. Aufregend ist sie immer noch nicht,
aber so einfach weglegen kann man sie auch nicht. Vor allem wegen der
Kommentare des Schriftleiters selbst und wegen der Gastkommentare,
die sich zu einer Plattform des österreichischen Konservativismus
entwickelt haben.
Als im Jänner ein Text vom Anwalt des britischen Holocaust-Leugners
David Irving erschien, gellten aus den linken Revieren die ersten
Schüsse. Daraus ist zwar keine "Hetzjagd" geworden, wie einzelne
rechte Verteidiger Unterbergers meinen, aber Jagdszenen sind das
zweifellos.
Jede Partei ist machtbewusst. Auch in der ÖVP wäre ein betont linker
Redaktionschef nicht beliebt. Es gibt genug Beispiele für schwarzes
"Mobbing" (Franz Morak über die linken Angriffe auf Unterberger). Vor
allem im ORF, aber auch gegenüber Printjournalisten.
Dass jetzt aber selbst die Grünen von Bundeskanzler Alfred Gusenbauer
im Rahmen einer parlamentarischen Anfrage wissen wollen, "welche
Schritte" er gegen Unterberger unternehmen wird, stellt das
Demokratieverständnis von Van der Bellen & Co infrage.
Pressefreiheit gibt es offenbar nur für jene, welche die gleiche oder
eine ähnliche Weltanschauung vertreten. Die Publikation eines Textes
aus Irving-Nähe kann man mit guten Gründen kritisieren. Deshalb aber
die Abberufung oder auch nur "Schritte" gegen den Chefredakteur zu
verlangen, ist kein ausreichendes Argument.
Nur wenige Kommentare des Kollegen in der Wiener Zeitung könnte ich
unterschreiben. Aber das ist medialer Pluralismus. Und Unterbergers
Stimme zusammen mit einigen seiner Kolumnisten eine wichtige
Abrundung des Meinungsspektrums dieser Republik. Die Linke sollte
wissen, dass die Verteidigung dieser Breite auch ihre eigenen
_publizistischen Positionen schützt.
Darüber sollte sich auch Sozialminister Erwin Buchinger den Kopf
zerbrechen, bevor er sich den linken Heckenschützen anschließt.
Möglicherweise färbt die Machtausübung bereits ab. Denn es gibt nur
wenige Politiker, die sich als Regierungsmitglieder jene Offenheit
bewahren, die der Journalismus selbst ebenfalls braucht.
Die Wiener Zeitung ist nach wie vor ein Unikum der westlichen
Presselandschaft. Regierungszeitungen gibt es normalerweise nur in
Diktaturen - bis hin zu ganz kuriosen Situationen wie jener in St.
Petersburg, wo die Presseministerin eine eigene Tageszeitung besitzt.
Dass zum Beispiel der Wiener Bürgermeister Michael Häupl auf Plakaten
den Eindruck erweckt, als würde er die Krone für die "beste Zeitung
des Landes" halten, ist ohnehin nur die Beschreibung einer bestimmten
Mentalität. Ein Stück Wiener Zeitung steckt eben in so manchem
österreichischen Massenblatt.
Die Angriffe der SPÖ auf Unterberger sind deshalb weder klug noch
Erfolg versprechend. Sollte Unterberger aufgeben (was nicht seinem
Naturell entspräche), würde das Regierungsblatt werden, was es war:
ein Neutrum der Medienlandschaft.
Großkoalitionär. Am besten mit einem Chamäleon an der Spitze, das je
nach Bedarf die Farbe wechselt.
Solange Unterbergers Vertrag läuft, soll er bleiben, was er ist.
Seine vorzeitige Abberufung wäre ein negatives Signal in einem Land,
das demokratische Defizite hat.

Rückfragehinweis:
Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

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