- 14.06.2007, 16:01:00
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"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Kurt Waldheim, ein Aufklärer wider Willen"
Der Ex-Bundespräsident ist eine tragische Figur in Österreichs Geschichte.
Wien (OTS) - Zwei Sätze werden von Kurt Waldheim immer in
Erinnerung bleiben: "Ich habe nur meine Pflicht getan" und "Ich kann
mich nicht erinnern".
Der ehemalige Bundespräsident, der am Donnerstag verstorben ist,
wurde in der öffentlichen Wahrnehmung seit 1986 auf seine
Wehrmachtszeit reduziert. Der gelernte Diplomat verwahrte sich stets
gegen diese Verkürzung seiner Biografie. Die Wahl zum
Generalsekretär der Vereinten Nationen sei sein größter Erfolg
gewesen, sinnierte er anlässlich seines 80. Geburtstages; seine
ärgste Niederlage sei das Einreiseverbot ("Watchlist") in die USA
nach dem Präsidentschaftswahlkampf.
Waldheims Karriere spiegelte ein österreichisches Schicksal, eine
Abfolge von Streben, Schuld, Sühne, Aufstieg, Niedergang und das
stete Ringen um Anerkennung. Er diente der jungen Republik als
gewandter Außenpolitiker, brachte es durch Fleiß und Anpassung bis
zum Außenminister. 1972 wurde er überraschend UNO-Generalsekretär,
eine Position, in der er hohes Ansehen durch seinen Einsatz im
Nahost-Konflikt erhielt. Damals gab es weltweit nicht den geringsten
Zweifel an seiner Integrität - auch bei jenen nicht, die ihn später
als Hitlers Büttel attackierten.
Als ÖVP-Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten wurde er zu
einer zentralen, letztlich tragischen Figur. Die Rolle von
Österreichern während der Hitler-Diktatur war auch schon vor seiner
Zeit ein Thema, vor allem während der Anfangsjahre von Kanzler
Kreisky. Damals wurden Ex-Nationalsozialisten in höchste Funktionen
befördert, um das nationale Lager günstig zu stimmen.
Breite und Tiefe erhielt diese Auseinandersetzung im
Waldheim-Wahlkampf. Der ehemalige Oberleutnant der Wehrmacht wurde
zum Aufklärer wider Willen, zum Symbol für den Umgang mit der
NS-Zeit.
Er war sicher kein Kriegsverbrecher, aber nicht so unwissend, wie
er sich präsentierte. Seine Aussage von der "Pflichterfüllung" sollte
die pauschale Selbstrechtfertigung für die Soldatengeneration sein.
Haltbar war seine Argumentation nicht. Für wen wurde diese Pflicht
erfüllt? Was wäre geschehen, hätten die Pflichterfüller gesiegt?
Es hätte den Endsieg der Nazi-Barbarei gegeben.
Mit seiner Verteidigung stürzte Waldheim (der die Präsidentenwahl
mit deutlicher Mehrheit gewann) Österreich in eine tiefe
Identitätskrise. Die ÖVP reagierte auf die Angriffe mit aggressiven
Plakaten ("Jetzt erst recht!", "Wir wählen, wen wir wollen!").
Doch nicht nur der vermeintliche Patriotismus wurde von der
Volkspartei politisch instrumentalisiert. Auch aufseiten der SPÖ
herrschte kaltes Kalkül. Es gilt als gesichert, dass die damalige
sozialistische Parteispitze in die "Kampagne" eingeweiht war. Kanzler
Sinowatz trat nach Waldheims Sieg prompt zurück.
Im Rückblick ist klar, dass die Waldheim-Affäre für das
Seelenleben der Republik Gutes brachte. Denn die heutige Generation
hat den Abschied von der Opferrolle längst vollzogen.
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