• 12.06.2007, 16:00:00
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"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Sinnlose Sehnsucht nach Lichtgestalten"

Den Aufstieg in der Politik sollten Kompetenz und Leistung bestimmen.

Wien (OTS) - Nicht alles, was in der österreichischen Politik eine
Überraschung ist, ist auch gleich ein Befähigungsnachweis. Im Fall
von Bildungsministerin Claudia Schmied wollen manche Medien dies
allerdings justament so darstellen. Demnach würde die
Staatsopern-Entscheidung der Vorwoche die Neo-Politikerin gleich "zu
Höherem" befähigen.
Das wäre traurig. Gilt es wirklich schon als Ausweis besonderer
politischer und sachlicher Qualität, wenn ein Regierungsmitglied eine
Entscheidung trifft, zu der sie/er ressortmäßig verpflichtet ist?
Man könnte allerdings aus diesem Anlass auch einen Leitfaden für
Politiker erstellen, die sich selbst für Höheres bestimmt sehen.
1. Lassen Sie den Spitzenmann ihrer Partei dumm aussehen,
signalisieren Sie wenigstens Illoyalität.
2. Nehmen Sie ihre Aufgaben tatsächlich wahr und präsentieren Sie
dies als außergewöhnliche Leistung.
3. Heben Sie sich in Auftreten und Erscheinung krass von Ihrer
(Partei-)Umgebung ab.
4. Begnügen Sie sich damit, Fehler zu vermeiden.
Ginge es nach manchen Medien, gäbe es auf dem Weg zur Spitze bei
Beachtung dieser Punkte kein Halten mehr. Die Sehnsucht nach
vermeintlichen Lichtgestalten scheint Blick und Verstand zu trüben.
Wem wurde da in den letzten Jahren nicht schon Großes
vorhergesagt: Salzburgs Gabi Burgstaller hätte statt Alfred
Gusenbauer die SPÖ führen soll, nur weil sie eine Landtagswahl
gewonnen hat; Karin Gastinger hatte eine große Zukunft vor sich,
nur weil sie als Justizministerin nicht wie erwartet "abgestürzt"
ist; Andrea Kdolsky wurde eine Zeit lang schon als neue Leitfigur
der ÖVP gehandelt, nur weil sie sich weder VP-typisch kleidet noch
auftritt; Josef Pröll war fast schon VP-Chef , weil er Neffe und
jünger ist. Das war allerdings vor etlichen substanzlosen Auftritten
und vor dem VP-Vorstand, der ihn als Zukunfts-Lenker der Partei in
Sachen Bildung desavouierte.
Der künstliche Medienrummel um sogenannte Überraschungs-Politiker
sagt mehr über die Führung der jeweiligen Partei aus als über die
tatsächliche Kompetenz der Vielbejubelten: So war das Lob für
Schmieds Sachentscheidung nur deshalb so dick, weil man sie
gleichzeitig als Niederlage für Gusenbauer interpretieren konnte. So
wirken Kdolskys diverse Tanzeinlagen nur deshalb nicht ganz so
peinlich, weil man sie in Gegensatz zur Fadesse von Wilhelm Molterer
setzen kann. Auf wirkliche gute Politik wartet der Wähler aber bei
Schmied (Schule), Kdolsky (Kinderbetreuung), Pröll (Klimaschutz)
vergeblich. Dass shooting stars wie Burgstaller, Pröll, Kdolsky
rasch an Glanz verloren haben oder wie Gastinger verglüht sind,
sollte Schmied eine Warnung sein.
Seltsam, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, dem Steirer
Franz Voves "höhere Weihen" zu prophezeien, nur weil er Alfred
Gusenbauer im Fernsehen bei der Regierungsbildung beschimpft hatte.
Das müsste nach herrschender Medienpraxis als ultimativer
Leistungsnachweis gelten. Voves sollte sich kränken.

Rückfragehinweis:
KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
[email protected]
www.kurier.at

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