• 05.06.2007, 17:21:47
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WirtschaftsBlatt Kommentar vom 6.6.2007: Mehrwertsteuer: Österreich als Prüflabor - Herbert Geyer

Die Idee ist gut - mal sehen, wie sie sich in der Praxis bewährt

Wien (OTS) - Der Trick ist so alt wie die Mehrwertsteuer selbst:
Man meldet beim Finanzamt ein grösseres Exportgeschäft an und lässt
sich die dafür anfallende Mehrwertsteuer refundieren. Wenn man diese
aber gar nicht wirklich bezahlt hat, kann man die rückerstattete
Steuer als Reingewinn verbuchen.

Aber auch der ganz simple Mehrwertsteuer-Betrug ist beliebt: Mit der
augenzwinkernden Frage "Brauchen S' a Rechnung?" fällt die Steuer
gleich ganz unter den Tisch, den Reibbach teilen sich Käufer und
Verkäufer.

An sich ist die Idee, eine Umsatzsteuer als Mehrwertsteuer
auszubilden, genial einfach: In jedem Unternehmen im Laufe einer
Produktions- oder Handelskette wird nur der jeweilige Wertzuwachs
besteuert, sodass sich im Idealfall am Schluss die einzelnen
Steuerbeiträge zu einer Totalbesteuerung des gesamten Warenwertes
summieren.

Aber die Praxis, dass bei jeder Transaktion ein Fünftel des
Warenwertes mittransferiert wird, das nicht einem der beiden
Geschäftspartner gehört, sondern einem nicht anwesenden Dritten (dem
Finanzminister), beflügelt halt die Fantasie: Schliesslich macht die
Mehrwertsteuer in der Regel mehr aus als die Gewinnspanne jedes der
beiden am Geschäft Beteiligten.

Die Idee, die Mehrwertsteuer unbar mitzuverrechnen (siehe Bericht
Seite 8), könnte daher beitragen, dieser Fantasie die Flügel zu
stutzen: Wenn jeder nur den eigenen Wertzuwachs versteuert - und das
direkt beim Finanzamt -, sind die umlaufenden Beträge weit geringer
und damit auch der mögliche Gewinn, wenn man sie unter den Tisch
fallen lässt.

Freilich ist es auch sehr vernünftig, diese neue Methode nicht
gleich verpflichtend in allen 27 EU-Staaten einzuführen, sondern
zunächst einmal probehalber in einem einzigen Staat - in Österreich -
zu testen.

Schliesslich lässt sich die Steuerpflicht jedes Einzelnen nur
errechnen, wenn man die Umsätze jedes Einzelnen in der Produktions-
oder Handelskette kennt. Für die neue Mehrwertsteuerberechnung sind
daher umfangreiche Meldepflichten nötig, die in der Praxis zu einer
unerträglichen bürokratischen Belastung führend könnten.

Und auch die Frage, ob nicht im Fall der Insolvenz eines Beteiligten
sein Nachbar in der Kette unschuldig zum Handkuss kommt, sollte in
der Praxis erprobt werden.

Die Idee ist gut. Wir sind gespannt, wie sie sich in der Praxis
bewährt.

Rückfragehinweis:
WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305 oder 280
http://www.wirtschaftsblatt.at

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