• 04.06.2007, 17:59:08
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Andreas Unterbergers Tagebuch

Der Sinn der Gewalt

Wien (OTS) - Der Sinn der Gewalt

Gäbe es nicht Hunderte Verletzte, wäre es zum Lachen: Wochenlang
wurde die deutsche Polizei dafür kritisiert, dass sie übervorsichtig
zu viele Sicherheitsmaßnahmen rund um den G-8-Gipfel setze. Seit den
gewaltsamen Konfrontationen vom Samstag wird ihr das genaue Gegenteil
vorgeworfen.

Es ist immer das gleiche: Zu jedem derartigen Großereignis reisen
Tausende Menschen im sicheren Wissen an, dass es dort zu Exzessen
kommen werde. Sie reisen nicht trotz, sondern wegen dieses Wissens
an. Denn sie wissen, dass die Medien jedes Mal der Polizei zumindest
einen Teil der Schuld zuschieben werden. Womit die Demonstranten
schon ein Ziel erreicht haben: eine weitere Diskreditierung der
großen demokratischen Staaten dieser Welt (gegen den einzigen
ziemlich undemokratischen Teilnehmer, nämlich Russland, wird ja
erstaunlich wenig demonstriert).

Die restlichen Ziele der Demonstranten bilden einen
Gemischtwarenladen von Anliegen aller Art. Und derer gibt es weltweit
viele - auch wenn sie mit dem G-8-Gipfel wenig zu tun haben, wie etwa
die Klagen über die neuen Kämpfe im Libanon oder über die Hindernisse
für Migrationswillige.

Das meiste sind Anliegen, für die man im eigenen Land keine
demokratischen Mehrheiten findet. Bei einem Gipfel kann man hingegen
durch die Addition vieler kleiner Protestgruppen den Eindruck einer
gewaltigen Masse machen. Überdies sitzen dort tagelang Tausende
Journalisten gelangweilt herum, die mit Begeisterung über
Demonstrationen berichten, weil sich auf dem Gipfel selbst noch
nichts abspielt. Zuhause werden diese Gruppen hingegen meist gar
nicht mehr zur Kenntnis genommen (außer dass manche sich ärgern, weil
die Mariahilfer Straße schon wieder blockiert ist).

In einem Punkt ist den Gipfelstaaten allerdings wirklich ein Bruch
konkreter Versprechen vorzuwerfen: Die Afrika zugesagte Hilfe ist
nicht im versprochenen Umfang geflossen. Freilich: Auch diesbezüglich
sollten die Protestierer einmal versuchen, daheim Mehrheiten zu
finden. Österreich etwa verspricht schon seit 40 Jahren, seine
Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des Nationalprodukts zu erhöhen. 40
Jahre lang ist es diesem Wert jedoch nicht einmal nahe gekommen. Was
aber den meisten Wählern ziemlich gleichgültig zu sein scheint.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragehinweis:
Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
mailto:[email protected]

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