• 25.08.2006, 20:45:12
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Fitness der Bürger wird zur Herausforderung für den Staat" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 26.08.2006

Graz (OTS) - Da ist er also wieder, der Streit um die Finanzierung
des Gesundheitssystems. Die Rollen sind verteilt: Die Opposition
schlägt Alarm und warnt vor Horror-Defiziten in den Krankenkassen.
Die Regierung beschwichtigt, so lange und so gut es geht.

Die Wahrheit ist: Den Kassen stehen schwere Belastungen bevor - nicht
nur in Österreich, sondern in vielen Ländern. Die gröbsten Mängel
betreffen nicht die Heilbehandlung, sondern Vorsorge und Vermeidung
von Krankheiten. Beispiel Fettsucht: Sie wird in der westlichen Welt
zur unfinanzierbaren Epidemie.

In den USA hat jedes zehnte Kleinkind Übergewicht, in England sind 14
Prozent der Kinder krankhaft fett. In Österreich wird kommenden
Dienstag der erste Adipositas-Bericht mit erschreckenden Zahlen
vorgelegt. Inhalt: Fünf bis elf Prozent der Buben sowie drei bis vier
Prozent der Mädchen sind krankhaft fettsüchtig.

Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm, die Gesundheitssysteme werden
die Last dieses Lasters nicht tragen können. Zu finanzieren sind:
Diabetes, Gefäßkrankheiten, Krebs. Von psychischen Problemen und
"Pflegenotstand" als Spätfolge ganz zu schweigen. Trotzdemgibt es
hier keine politische Debatte. Der Staat scheitert planmäßig an
diesem Thema. Wie man selbst lebt und wie man seine Kinder ernährt,
gilt als Frage des persönlichen Lebensstils und damit als
Privatsache.

Das ist einerseits gut so, denn niemand kann sich wünschen, dass der
Staat in den Alltag der Bürger mehr als nötig eingreift. Auf der
anderen Seite steht der Befund der Weltgesundheitsorganisation,
wonach Fettsucht eine "chronische Krankheit mit hohem
Mortalitätsrisiko" sei. Wenn sich eine so ernste Krankheit so rasch
ausbreitet, dann ist gesellschaftliches, also politisches Handeln
nötig.

Der Haken: Man kann zwar durch löbliche Ernährungs- und
Bewegungsinitiativen die Probleme bewusst machen. Doch die
Wirklichkeit wiegt buchstäblich schwerer. Bewegung ist aus dem Alltag
vieler Erwachsener und Kinder völlig verschwunden. Die Ernährung
steht im Bann der Genussmittelindustrie, die mit hanebüchernem Unsinn
wirbt - von "gesunden" Schokoriegeln bis zu "vitaminreichen"
Zuckerln.

In England, wo gerade ein Fitness-Ministerium gegründet wurde, droht
Tony Blair jetzt der Junk-Food-Industrie mit Werbeverboten. In den
USA diskutieren Fachleute eine "Kaloriensteuer" für Softdrinks.
Solche Zwangsbeglückung ist schlecht. Aber auch in Österreich wird
man über Maßnahmen reden müssen, wenn das Maßhalten so ganz und gar
nicht gelingen will. ****

Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung
Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047
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http://www.kleinezeitung.at

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