- 20.05.2006, 17:02:21
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Egoismus und dessen Schwester, die Habsucht
Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, und die Sitten in der Wirtschaft werden immer schlechter
Wien (OTS) - Gottfried Wilhelm Leibniz, Frühaufklärer, Philosoph
und Mathematiker, erachtete unsere kosmische Heimat, den Blauen
Planeten, als "beste aller Welten". Er wollte damit nicht tatsächlich
vorhandenes Übel leugnen oder schönreden, postulierte aber, es gebe
Gutes, das nur zum Preis der Existenz von Negativem zu haben sei. Der
Universalgelehrte geriet damit in die Zwickmühle der Theodizee, jener
für den (christlichen) Glauben peinlichen Frage nämlich, warum ein
(gütiger?) Gott Schreckliches zulasse. Was hätte Leibniz wohl zu
Globalisierung, Heuschreckenkapitalismus und ähnlichen
"Errungenschaften" unserer Zeit gesagt? Er hätte vermutlich - wie es
gewisse Politiker tun - darauf verwiesen, dass umgreifender
Arbeitslosigkeit eine steigende Zahl von Beschäftigten entgegenstehe.
In einen weltumspannenden Zeitzusammenhang gebracht,ist daraus
folgende Formel abzuleiten: Jährlich sterben mindestens fünfzig
Millionen Menschen den Hungertod, während es vielen Mitgliedern der
Konsumgesellschaft fortlaufend besser geht.
Armut und Wohlstand driften dramatisch auseinander. Auf der einen
Seite sozialer Abstieg, auf der anderen unbezähmbare Gier nach
Geldvermehrung. Laut Sozialbericht haben im vergangenen Jahr 475.000
Österreicherinnen und Österreicher die Armutsgrenze unterschritten.
Und es werden immer mehr. Schon recht: Wir leben vergleichsweise noch
immer auf einer Insel der Seligen. Doch zeigt das Beispiel USA, wie
rasch sich Ungleichheiten auszubreiten vermögen: Amerikanische
Spitzenmanager kassieren das bis zu 500(!)-fache ihrer Mitarbeiter.
(Vor 25 Jahren verdiente ein US-Superboss nur das 40-fache des
Gehalts eines seiner Durchschnittsangestellten; binnen relativ kurzer
Zeit sind die Spielregeln in geradezu unbegreiflicher Intensität
zugunsten der Großverdiener geändert worden).
Der drastisch expandierenden Geschäftswelt kommt fast schon
flächendeckend abhanden, was mit "Würde" gleichzusetzen ist.
Täuschen, tricksen, tarnen, lügen, abzocken so lauten die Glieder
einer Formel, die Ehrlichkeit, Vertrauen, Solidarität, Ethik, Moral
ersetzt. Kurz vor seinem Tod hat aus seiner Voliere heraus Günther
Nenning, Altstar unter Österreichs begnadetsten bunten Vögeln, die
Maxime diverser Manager wie folgt veranschaulicht: Nur keine
Zimperlichkeit! Wollen wir moralisch sein, oder wollen wir was
verkaufen? Geschäft machen. Mehr Geschäft machen. Wir wollen mehr!
Nenning, von Betonsozialisten und ähnlich verhärteten Gewerkschaftern
brutal aus Partei und ÖGB ausgeschlossen, wegen nonkonformistischer
Grün-Idealisiererei von Kreisky als "Wurschtl" bezeichnet, zitierte,
in ein sehr aktuelles Wespennest stoßend, auch Bert Brecht: Was ist
schon die Beraubung einer Bank gegen die Gründung einer Bank?
Raffgier & Co. treiben eklig schillernde Sumpfblüten aus auch
hierzulande. Das Scheitern menschlicher Werte tritt in diesem
Frühjahr besonders krass zutage. Medien veranschaulichen täglich, wie
praller Egoismus und dessen verknöcherte Schwester, die Habsucht, die
Visiere hochklappen. Von Unrechtsbewusstsein (Scham) keine Spur: Die
einen wollen für nichts verantwortlich sein, die anderen tuns ihnen
unbekümmert nach. Solche Menschen legen für alles, selbst
Haarsträubendes, wohltönende, toll frisierte Begründungen vor. Dass
sie die Grenzen des Anstands überschreiten, ist ihnen völlig
gleichgültig.
Rückfragehinweis:
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