- 27.06.2001, 11:17:04
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Dr. Christian KONRAD, Präsident Ludwig Boltzmann Gesellschaft: "Im Namen der Wissenschaft - Verzeihung für das zugefügte Leid!"
Neuer Präsident der Ludwig Boltzmann Gesellschaft fordert Aufarbeitung der Rolle der Wissenschaft und daraus resultierender Verbrechen in der NS-Zeit
Wien (OTS) - Im Zusammenhang mit kürzlich publizierten
Verflechtungen eines ehemaligen Institutsleiters mit den Greueln der
NS-Zeit und anläßlich der Vorstandssitzung und Mitgliederversammlung
der Ludwig Boltzmann Gesellschaft erklärte heute, Mittwoch, Präsident
Dr. Christian KONRAD:
"Die bisher geleisteten Restitutions- und
Entschädigungsleistungen sind durch die Aufarbeitung der Rolle der
Wissenschaft in der NS-Zeit und der Verbrechen, die unter dem Vorwand
der Forschung begangen wurden, zu komplettieren.
Daß dies in der Vergangenheit nicht oder in unvollständiger Weise
geschehen ist, muß heute als beschämender und untauglicher Versuch
gewertet werden, das Unfaßbare auch weitgehend unausgesprochen zu
lassen. Dieser Umstand erhöht aber unsere Verpflichtung zu
gewissenhafter Analyse, zu eindeutigen Aussöhnungsschritten und zu
unmißverständlichen Positionierungen.
Unabhängig von noch möglichen, sehr schmerzhaften und bedrückenden
Ergebnissen eines derartigen Ausleuchtens der Rolle der Wissenschaft
vor 60 Jahren - und in den Folgejahren, möchte ich als Präsident der
Ludwig Boltzmann Gesellschaft und aus gegebenem Anlaß ersuchen: "Im
Namen der Wissenschaft - Verzeihung für das zugefügte Leid!"
Selbst wenn manche meinen, heute sei eine umfassende Darstellung
von Verbrechen, die vor rund 6 Jahrzehnten in Krankenhäusern und
Labors begangen wurden, nicht mehr möglich, sind alle diesbezüglichen
Anstrengungen gerechtfertigt. Denn das dunkelsten Kapitel unserer
Geschichte wirft Schatten auf die Zukunft, sollten wir gegenwärtig
nicht fähig sein, die richtigen Schlußfolgerungen zu ziehen. Dazu
bedarf es mehr als nur einer, auch noch so tief empfundenen
Betroffenheit.
Der Versuch, jene Phänomene zu klären, die den Verlust jedes
ethischen, moralischen und die Menschenwürde respektierenden
Anspruchs an wissenschaftliches Handeln ermöglichen, ist dabei
vielleicht noch bedeutender, als die Entdeckung weiterer Dokumente
über Greueltaten in der NS-Zeit oder neuer NS-Euthanasie-Beweise.
Wenngleich es zweifellos wichtig ist, Versäumnisse im historisch
dokumentierten Wissen über Geschehnisse in dieser Zeit gut zu machen
und dies eine der Aufgaben der neu eingesetzten Ethikkommission der
Bundesregierung sein sollte.
Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft ist über den Namen eines Arztes
und ehemaligen Institutsleiters indirekt in die Nähe von
unerträglichen und unentschuldbaren Vorkommnissen während der NS-Zeit
gerückt worden. Dessen Ausscheiden als Institutsleiter und Mitglied
der Ludwig Boltzmann Gesellschaft wurde 1989 veranlaßt.
Institutionen, wie die Ludwig Boltzmann Gesellschaft, werden den
Beitrag zu leisten haben, der für eine abschließende Aufarbeitung der
Rolle der Wissenschaft während des Nazi-Regimes erforderlich ist.
Die Fassungslosigkeit über das Leid von Opfern und Angehörigen,
über Folterungen und "wissenschaftlichen Versuchen" an Kindern, wie
an Erwachsenen, muß uns heute zu konkreten Schritten veranlassen.
Auch und gerade jene, die keine persönliche Schuld auf sich geladen
haben und denen die Gnade der späten Geburt gewährt ist. Die Ludwig
Boltzmann Gesellschaft fordert und fördert daher jede Bemühung, die
der historischen Wahrheit dient.
Aber auch eindeutige Gesten.
Deshalb drängt die Ludwig Boltzmann Gesellschaft darauf, daß
endlich die rechtlichen Voraussetzungen für die Aberkennung des
Ehrenkreuzes für jenen ehemaligen Leiter eines Ludwig
Boltzmann-Institutes geschaffen werden, dem als Arzt und
Wissenschaftler in der "Kinderfachabteilung Am Spiegelgrund"
(Steinhof, Wien) Mitverantwortung und Mittäterschaft an der
NS-Euthanasie angelastet wird.
Deshalb sollte die damalige Rolle der Wissenschaft in Österreich
nunmehr Gegenstand einer Studie werden, die die Ethikkommission in
Auftrag gibt.Dies scheint vielen auch deshalb unumgänglich, weil die
Fragen der Ethik, der Moral und der Menschenwürde in Wissenschaft und
Forschung angesichts der zu erwartenden Entwicklungspotentiale heute
eine neue, hochbrisante Aktualität erlangen.
Wir tragen die Verantwortung für schonungslose Aufklärung und
Offenheit gegenüber der Vergangenheit. Ebenso tragen wir aber auch
Verantwortung dafür, daß ethische und moralische Anforderungen an
Wissenschaft und Forschung zu jeder Zeit aktualisiert werden."++++
Rückfragehinweis: Angelika Mayrhofer-Battlogg
Tel.: 0676/326 378 3,
02252/23 77 9;
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