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Parteien

TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel vom 21. August 2019 von Michael Sprenger - „Auf dünnem Eis“

Innsbruck (OTS) - Wenn langjährige Parteigefährten zur Gefahr werden. FPÖ-Chef Norbert Hofer versucht einen schier unmöglichen Spagat zwischen der Anbiederung bei der ÖVP und dem Versuch der Distanzierung von seinen politischen Freunden.

Zugegeben ein schwieriges Gedankenspiel. Versuchen wir kurz, die je eigene Sympathie oder Antipathie für die FPÖ und ihre Akteure auszuklammern. So kann man sich wohl darauf einigen, dass Norbert Hofer bei seinem ersten ORF-Sommergespräch einen harten Job zu bewältigen hatte. Er war bemüht, diesen Auftrag professionell zu erfüllen. Mit leichtem Lächeln, welches nur selten in einen erstarrten Gesichtsausdruck überging, mit typisch oberflächlichen Antworten für dieses TV-Format, wo er aber zwischendurch klare Aussagen eingebaut hat.
Der designierte FPÖ-Chef weiß, dass er sich bis zum Wahltag auf dünnem Eis befindet. Es waren schließlich seine langjährigen Freunde Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus, die auf Ibiza nicht nur das Regierungsprojekt zum Einsturz gebracht haben, sondern Hofer mit der Casino-Affäre auch indirekt große Steine in den Weg schmeißen:
wenn Parteigefährten zur Gefahr werden.
Hofer, Kickl und Co. haben es zwar geschickt verstanden, von Anfang an den skandalösen Inhalt des sattsam bekannten Gesprächs in der Villa auf Ibiza mit wenigen Worten als geschmacklos und inakzeptabel abzutun, sich aber zugleich als Opfer zu präsentieren. Bei der Casino-Affäre versuchen die Blauen, dasselbe Muster anzuwenden. Doch Hofer ist nicht einfältig: Wenn die Staatsanwaltschaft Hausdurchsuchungen bei der Führungsspitze eines milliardenschweren Glücksspielkonzerns und drei Spitzenrepräsentanten der früheren Regierungspartei anordnet, dann brennt die Partei-Hütte.
Also wollte Hofer beim ORF-Interview seinen Vorgänger an der Parteispitze nicht offensiv in Schutz nehmen. Ein politisches Comeback stellte er für Strache in Abrede (außer alle Ermittlungen werden eingestellt – oder es gibt einen Freispruch). Als er dann jedoch danach trachtete, doch ein bisserl die Opferrolle einzunehmen, krachte das Eis, auf dem er sich bewegte. Mit vorerst unabsehbaren Folgen. Eine Anzeige wegen Kreditschädigung wird er jedenfalls bekommen, hat er doch den früheren Casino-Manager Dietmar Hoscher als Verfasser der anonymen Anzeige bezeichnet. Zudem will Hofer unbedingt die rechtskonservative Koalition fortführen – und biedert sich dabei bei der ÖVP an. Nehmen wir also das Gedankenspiel nochmals auf. Selbst FPÖ-Anhängern ist Hofers Unterwürfigkeit gegenüber der ÖVP wohl zu dick aufgetragen, für FPÖ-Gegner mag das Anschleimen allemal entlarvend sein.

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