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Pressestimmen

Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 3. Oktober 2018; Leitartikel von Anita Heubacher: "Die Debatte war längst überfällig"

Innsbruck (OTS) - Die #MeToo-Debatte hat das Bewusstsein über sexuelle Gewalt und Übergriffe geschärft und das Schweigen darüber aufgebrochen. #MeToo ist aber auch ein Lehrstück über Denunziation und Vorverurteilung in den „sozialen“ Medien.

Der US-amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein steht wegen mannigfacher sexueller Belästigung und Vergewaltigung vor Gericht. Sein Prozess läuft noch.
Schuldig gesprochen ist er ohnehin. Das Urteil ist schon längst gefällt, von keinem Richter, sondern von Postern in sozialen Medien. Weinsteins Anklägerinnen hatten den Mut, wenn auch erst nach Jahren, dies öffentlich zu tun. Bei anderen im Zuge der #MeToo-Debatte Beschuldigten reichten anonyme Hinweise, um sie an den Pranger zu stellen, wieder andere wurden suspendiert und nach einem Check der Faktenlage rehabilitiert. Weinstein ist eine Provokation, aber auch für ihn gilt die Unschuldsvermutung und auch er hat ein Recht auf einen fairen Prozess. Ein Jahr nach der #MeToo-Debatte zeigt sich, wie schwer der Balanceakt zwischen Denunzieren und zu Recht Aufmerksam-Machen ist und wie sorglos in sozialen Medien mit der Wahrheit und der Objektivität umgegangen wird.
Dennoch kann die Gesellschaft froh sein um die Debatte über sexuelle Übergriffe und Gewalt. Sie hat auf jeden Fall sensibilisiert, ein Bewusstsein geschaffen und am Ende manchem klargemacht, dass das, was er tat, eine Grauzone war, die viel zu lange unbenannt blieb. Damit ist #MeToo auch eine Generationenfrage. Aufgegriffen vor allem von jungen Frauen, hat sie eine Generation älterer und alter Männer zum Täter gemacht. Viele davon waren in einem Umfeld oder an einem Arbeitsplatz tätig, wo Frauen alles andere als gleichberechtigt und sexuelle Übergriffe und Herabwürdigungen Ausdruck des Machtverhältnisses waren. #MeToo ist damit auch eine Gesellschaftskritik, weil viel Übergriffe zu lange mit Schweigen toleriert wurden. Es ist auch ein Vorwurf an eine Generation von Frauen, die sich dies alles gefallen ließ und sich nicht getraute, Widerstand zu leisten. Dieses Schweigen ist durch die neue Öffentlichkeit in sozialen Medien und durch die #MeToo-Debatte für immer gebrochen.
#MeToo war auch Ausdruck eines Geschlechterkampfes. Die armen Frauen gegen die bösen, gewaltbereiten Männer. Das hat zu einer Verhärtung der Fronten geführt und leider den Blick von den zu durchleuchtenden Machtstrukturen abgelenkt. Die nutzen auch Frauen aus, wie Asia Argento, Schauspielerin und #MeToo-Aktivistin, jetzt zugeben musste.
Ein Jahr nach #MeToo wird die Bewegung nicht einschlafen, es ist wichtig, weiter zu reden und weiter das Bewusstsein zu schärfen.

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