OTS0033 5 II 0497 OPR0001 MI Di, 27.Sep 2016
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Presserat: Veröffentlichung von Gerüchten über Sexualleben verletzt Ehrenkodex

Wien (OTS) - Der Artikel „Welche ‚Österreich‘-Journalistin angelt sich den nächsten Politiker?“, erschienen in der Zeitschrift „Der Österreichische Journalist“ vom 27.06.2016, verstößt laut Senat 1 des Presserats gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse.

In dem Artikel beschäftigt sich der Verfasser damit, dass mehrere bei der Verlagsgruppe „Österreich“ tätige Journalistinnen mit Politikern liiert seien und stellt die Frage „Welche ‚Österreich‘-Beauty krallt sich den nächsten Politiker?“ Danach wird angemerkt, dass eine im Beitrag namentlich genannte Journalistin dabei „[h]öchst im Kurs stehe“ und „dass sie die ihr gerüchteweise zugesprochene ‚Weiße Leber‘ jederzeit in eine ordentliche Beziehung einbringen könnte.“

Eine Leserin beanstandet, dass mit dem Begriff „Weiße Leber“ umgangssprachlich gemeint sei, dass die Journalistin eine Nymphomanin sei.
Die Medieninhaberin der Zeitschrift hat in dem Verfahren vorgebracht, dass es sich bei dem kritisierten Beitrag um Satire handle und dies dem journalistischen Fachpublikum, an das sich dieses Medium richte, auch bekannt sei. Der entzerrte Aussagekern der Satire sei hier, dass mehrere „Österreich“-Journalistinnen mit prominenten Personen Beziehungen eingegangen seien, und es werde eine Spekulation angestellt, dass die genannte Journalistin unter Umständen die Nächste sei.
Der Senat hält zunächst fest, dass in einer Satire durch Übertreibung, Ironie, Zuspitzungen und (beißenden) Spott Kritik an Personen oder Ereignissen geübt wird. Bei satirischen Beiträgen reicht die Presse- und Meinungsfreiheit weiter als bei anderen Artikeln.
Nach Ansicht des Senats ist der Inhalt des vorliegenden Beitrags nicht satirisch angelegt. Es mag zwar sein, dass die beanstandete Passage zugespitzt klingt. Dies alleine bedeutet jedoch nicht, dass der Beitrag als Satire einzustufen ist.
Selbst wenn man die gegenteilige Auffassung der Medieninhaberin teilen sollte, wirkt sich das im vorliegenden Fall nicht zugunsten des Mediums aus: Auch in einem satirischen Beitrag ist nämlich nicht jeder Eingriff in die Persönlichkeitssphäre des Einzelnen gerechtfertigt, so der Senat weiter. Die Behauptung, dass es Gerüchte gebe, wonach die namentlich genannte Journalistin eine „Weiße Leber“ habe und somit nymphomanisch veranlagt sei, verletzt nach Ansicht des Senats jedenfalls den Persönlichkeitsbereich und die Intimsphäre der Betroffenen. In dem Beitrag werden Gerüchte über ihr Sexualleben verbreitet. Dadurch wird sie in der Öffentlichkeit bloßgestellt. Der Senat stellt daher Verstöße gegen die Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Intimsphäre) des Ehrenkodex für die österreichische Presse fest. Die betroffene Medieninhaberin wird aufgefordert, die Entscheidung freiwillig zu veröffentlichen.

Selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung einer Leserin

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.
Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin der Zeitschrift „Der Österreichische Journalist“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.
Die Medieninhaberin der Zeitschrift „Der Österreichische Journalist“ hat sich der Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht unterworfen.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169

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