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DER STANDARD-Kommentar "Vom Pumpen zum Sparen" von Alexandra Föderl-Schmid

Für Europa ist ein Umkrempeln des Wirtschaftssystems eine Überlebensfrage /// Ausgabe vom 31.12. 2011/1.1.2012

Wien (OTS) - Jahreswechsel ist die Zeit des Innehaltens, des Infragestellens. Das Jahr 2011 bietet mit dem Arabischen Frühling, der Atomkatastrophe von Fukushima und der Eurokrise mehr als genug Anlässe.
2012 wird zu einem Schicksalsjahr für Europa: Der Euro wackelt, die Konjunktur lahmt, und die Politik muss Entscheidungen weg vom Nationalstaat hin nach Brüssel verlagern. Aber es geht um noch viel mehr: ob das derzeitige Wirtschaftssystem zukunftsträchtig ist.
In den vergangenen Jahrzehnten haben Veränderungen stattgefunden, deren Auswirkungen 2011 geballt zu spüren waren: Wir sind vom Sparkapitalismus zum Pumpkapitalismus übergegangen, wie Ralf Dahrendorf festgestellt hat. Die Finanzkrise 2008 war unter anderem Folge eines spekulativ aufgeblähten Wirtschaftswachstums in den USA und einer weltweiten kreditfinanzierten Massenspekulation. Während lange Zeit Arbeit und wachsende Produktivität, also ein Überschuss an Leistung, der Motor der Wirtschaftsentwicklung waren, sind es heute Konsum und wachsende Verschuldung. Nicht Sparen, sondern Leihen hält die Wirtschaft in Gang.
Banken fragen nicht um ausreichende Sicherheiten nach, wenn Kredite an Einzelpersonen oder Unternehmen vergeben werden; Gemeinden bauen auf Pump, und Staaten verschulden sich immer mehr. Was das im europä-ischen Maßstab bedeutet, weiß mittlerweile jeder Zeitungsleser.
Im Jahr 2011 wurde der Kreislauf der kreditgestützten Wirtschaft weiter in Gang gehalten: Es wurden klammen Staaten Milliarden zur Verfügung gestellt - basierend auf dem Prinzip Hoffnung: dass künftig alles besser läuft. Am System wurde nichts Grundlegendes geändert. So wird weiter auf künftige Wertschöpfung gesetzt, die schon jetzt verbraucht wird. Eine steigende Staatsverschuldung ist eine offene Rechnung, die Kindern und Enkel hinterlassen wird.
Die europäischen Staaten haben im derzeitigen System gar keine andere Möglichkeit, als sich zu verschulden. Italien hat sich in den vergangenen Tagen schon 18 Milliarden vom Kapitalmarkt ausgeliehen und muss sich im kommenden Jahr 440 Milliarden Euro von Investoren holen, um alte Kredite abzulösen, Zinsen zu zahlen und das Budgetloch zu schließen. Die Länder der Eurozone brauchen 2012 insgesamt 1516 Milliarden Euro. Dazu kommen noch die Banken, die mehr Liquidität benötigen - also unterm Strich ein Kapitalbedarf von mehr als 2000 Milliarden Euro. Wer leiht den Europäern so viel Geld? Und warum sollten ihnen - also uns - Anleger aus aller Welt trauen, wenn wir weitermachen wie bisher?
Europa steht mit seinen massiven Schulden nicht allein da. Die USA haben eine Rekordverschuldung. Die Neuverschuldung beläuft sich auf fast 1,5 Billionen Dollar oder rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung. Aber die Europäer sind mit einer Vertrauenskrise konfrontiert. Das Zauberwort Schuldenbremse ist Investoren zu wenig, zumal am Beispiel Österreich zu sehen ist, wie schwierig die Umsetzung dieses Ziels ist.
Dass Europa die Schuldenkrise Ende 2012 gemeistert haben wird, wie der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble meint, beruht auf der Hoffnung, dass alle Staaten einen Kurswechsel vollziehen werden. Für die Europäische Union ist es eine Überlebensfrage, ob eine Rückkehr vom Pumpkapitalismus zum Sparkapitalismus gelingt.

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