OTS0321 5 II 0930 NPA0008 Di, 22.Nov 2011
Nationalrat / Bundeshymne

Die gegenderte Bundeshymne: "Heiß umfehdet, wild umstritten" Die Hymne als Spiegelbild gesellschaftlichen Bewusstseins

Wien (PK) - "Heiß umfehdet, wild umstritten", diese Anfangszeile der zweiten Strophe der österreichischen Bundeshymne charakterisiert auch sehr gut die Diskussion um eine geschlechtergerechte Änderung des geltenden Textes. Die Bemühungen dazu reichen in die 90er Jahre zurück. Bewegung in die Diskussion kam erst im Sommer dieses Jahres, welche nun in den heutigen Beschluss des Verfassungsausschusses mündete. Der Beschluss legt auch die Basis dafür, die Bundeshymne erstmals gesetzlich zu verankern. Bislang gibt es dazu nur zwei Ministerratsbeschlüsse.

Der geänderte Text der Bundeshymne

Folgt der Nationalrat der Empfehlung des Verfassungsausschusses, lautet der Text der Bundeshymne künftig wie folgt:

Land der Berge, Land am Strome,
Land der Äcker, Land der Dome,
Land der Hämmer, zukunftsreich.
Heimat, großer Töchter und Söhne,
Volk, begnadet für das Schöne,
Vielgerühmtes Österreich,
Vielgerühmtes Österreich.

Heiß umfehdet, wild umstritten,
Liegst dem Erdteil du inmitten,
Einem starken Herzen gleich.
Hast seit frühen Ahnentagen
Hoher Sendung Last getragen,
Vielgeprüftes Österreich,
Vielgeprüftes Österreich.

Mutig in die neuen Zeiten
Frei und gläubig sieh uns schreiten
Arbeitsfroh und hoffnungsreich.
Einig lass in Jubelchören,
Vaterland, dir Treue schwören,
Vielgeliebtes Österreich,
Vielgeliebtes Österreich.

Das neue Bundesgesetz soll mit 1. Jänner 2012 in Kraft treten.

Die Bundeshymne ist genauso wie die Fahne der Republik Österreich sowie das Bundeswappen und die österreichischen Hoheitszeichen ein Staatssymbol. Wer sie "verächtlich macht oder sonst herabwürdigt", macht sich nach § 248 StGB der "Herabwürdigung des Staates und seiner Symbole" strafbar.

Die Bundeshymne - Zeichen des staatlichen Neubeginns nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollte auch eine neue Bundeshymne ein Zeichen für den staatlichen Neubeginn setzen. Die Wiedereinführung der Haydn-Hymne hätte aus der Sicht der damaligen führenden Politiker ein falsches Signal gesendet, zumal die Melodie vom Deutschen Reich übernommen worden war und diese daher von den damals durch die NS-Gewaltherrschaft unterdrückten Völkern als Provokation empfunden worden wäre. Daher beschloss man am 9. April 1946 im Ministerrat, einen Wettbewerb auszuschreiben. Der für damalige Zeiten hohe Preis wurde mit 10.000 Schilling dotiert. Eine Bedingung war, dass der Autor bzw. die Autorin sämtliche Urheberrechte an der Dichtung und an der Komposition dem Staat abtritt.

Von den rund 1.800 Einsendungen wurde aufgrund einer Jury-Entscheidung - nachdem im Kammersaal des Wiener Musikvereins 29 Vorschläge von Staatsopernsängern und Burgtheater-Schauspielern vorgetragen worden waren - das Freimaurer-Bundeslied "Brüder reicht die Hand zum Bunde" ausgewählt. Der Ministerrat beschloss am 22. Oktober 1946, die Melodie zur künftigen Hymne zu erklären. Die Komposition schrieb man damals Wolfgang Amadeus Mozart zu, nach heutigem Wissensstand nimmt man aber an, dass sie aus der Feder von Johann Baptist Holzer stammt. Da die eingereichten Texte den Anforderungen noch nicht ganz entsprachen, ersuchte man neun TeilnehmerInnen des Preisausschreibens, darunter Paula Grogger, Alexander Lernet-Holenia und Paula von Preradovic, nochmals einen Text vorzulegen. Schließlich wurde jener von Paula von Preradovic ausgewählt und in einer leicht geänderten Version mit Ministerratsbeschluss vom 25. Februar 1947 zur "österreichischen Bundeshymne" erhoben.

Sie erklang erstmals am 7. März 1947 im Radio, zwei Tage später wurde sie in der Wiener Zeitung abgedruckt und am 1. Juli 1947 im "Verordnungsblatt für den Dienstbereich des Bundesministeriums für Unterricht" bekanntgemacht.

Da die Haydn-Hymne innerhalb der Bevölkerung sehr beliebt war, gab es in den 50er Jahren - im Endeffekt vergebliche - Versuche, diese wieder einzuführen. Auch die Klage der beiden Söhne von Preradovic, Fritz und Otto Molden, auf Tantiemenzahlungen gegen die Republik wurde unter Hinweis auf das Preisgeld abgewiesen.

Und wo sind die Leistungen der Töchter Österreichs?

Die geänderte Stellung der Frauen in der Gesellschaft machte im Laufe der Zeit auch vor der Bundeshymne nicht Halt. In dem Wissen, dass Sprache wie kein anderes Medium das Bewusstsein prägt, reichen die Bemühungen, auch die Leistungen der "Töchter" Österreichs in der Bundeshymne nicht unter den Tisch fallen zu lassen und entsprechend zu würdigen, bis in den Anfang der 90er Jahre zurück. Federführend waren damals Abgeordnete der Grünen und des Liberalen Forums sowie Frauenministerin Johanna Dohnal. Sie bissen mit ihren Ideen jedoch auf Granit.

Frauenministerin Maria Rauch-Kallat startete im Jahr 2005 eine neue Initiative zu einer geschlechterneutralen Formulierung mit dem Textvorschlag: "Heimat großer Töchter, Söhne", brachte dies jedoch innerhalb der Regierung nicht durch.

Zu heftigen Reaktionen führte eine im Jänner 2010 von Christina Stürmer eingespielte Neuinterpretation "Rock me Paula", die von Bildungsministerin Claudia Schmied für einen Werbespot in Auftrag gegeben worden war.

Am 24. Februar 2010 legten die Grünen dem Nationalrat einen Entschließungsantrag vor, der in der Sitzung des Verfassungsausschusses vom 12. Oktober 2010 vertagt wurde. Ein weiterer Anlauf der Abgeordneten Maria Rauch Kallat (V), Renate Csörgits (S), Judith Schwentner (G), Gisela Wurm (S), Dorothea Schittenhelm (V), Sabine Oberhauser (S), Daniela Musiol (G) und Heidrun Silhavy (S) erfolgte in der Nationalratssitzung vom 8. Juli, wobei es zum Eklat kam, da Rauch-Kallat durch lange Reden ihrer Fraktionskollegen daran gehindert wurde, den Antrag in ihrer letzten Sitzung als Nationalratsabgeordnete zu begründen. Der Vorschlag lautete wiederum: "Heimat großer Töchter, Söhne".

Nun dürfte mit einem neuerlichen - jetzt auch von Männern unterstützten - Antrag der Abgeordneten Dorothea Schittenhelm (V), Gisela Wurm (S), Judith Schwentner (G), Wolfgang Gerstl (V), Peter Wittmann (S) und Daniela Musiol (G), der Durchbruch gelungen sein, dieser hat heute die Hürde im Verfassungsausschuss genommen. Die Abstimmungen im Plenum des Nationalrats und im Plenum des Bundesrats stehen allerdings noch aus. In der ersten Strophe soll es demnach künftig "Heimat großer Töchter und Söhne" heißen, in der dritten Strophe werden die "Brüderchöre" durch "Jubelchöre" ersetzt.

Dass der Text zur Musik passt, zeigt nicht zuletzt die Interpretation durch Opernsängerin Ildico Raimondi, die die neue Version bereits im Juli 2011 aufgenommen hat. (Schluss)

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