OTS0273 5 II 0485 PST0001 Mo, 07.Mär 2011
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DER STANDARD-KOMMENTAR "Frauen brauchen keine Gnadenakte" von Alexandra Föderl-Schmid

Sondern gleiche Chancen, ausreichende Kinderbetreuung und Männer, die anpacken - Ausgabe vom 8.3.2011

Wien (OTS) - Solange Frauen sich fragen lassen müssen, warum sie als Frau eine Spitzenposition erreicht haben, gibt es ein Problem. Diese Frauen werden auch gefragt, ob sie Kinder haben - und wenn, wie sie das mit ihrem Job vereinbaren können. Solange solche Fragen gestellt werden und die Eroberung eines Chefsessels durch eine Frau eine Eilt-Meldung wert ist, sind wir von Gleichberechtigung noch weit entfernt. Denn Männer müssen Führungspositionen nicht rechtfertigen und sich nicht outen, wie viel Zeit sie für ihren Nachwuchs aufwenden.
Die Veranstaltungsflut mit Frauenbezug rund um den 8. März und die auf diesen Tag zentrierte mediale Berichterstattung ist ein Overkill des Gutgemeinten. Wie beim Muttertag: Da muss man durch! Die Bemühungen werden überdies durch marktschreierische Beschreibungen konterkariert, wenn etwa der ORF Befragte gleich als "Starkolumnistin" oder "Jahrhundert-Musikerin" anpreist. So als ob sich der ORF für seinen Frauenschwerpunkt rechtfertigen müsste. Die inzwischen auch in Österreich mit EU-Unterstützung angelaufene Diskussion um Quotenregelungen jenseits der Politik löst nicht die praktischen Probleme. Dass mehr Frauen in Aufsichtsräten sitzen, ist ein hehres Ziel. Aber erstens ist das Projekt selbst in staatlichen Unternehmen mit Ziel 2018 sehr langfristig angelegt. Zweitens wird man ohne Sanktionen für Unternehmen oder finanzielle Anreize nicht weit kommen. Drittens werden die operationellen Entscheidungen nicht im Aufsichtsgremium getroffen. Viertens: An der Lebens- und Arbeitssituation fast aller Frauen ändert sich rein gar nichts, wenn in Aufsichtsräten mehr Frauen sitzen.
Frauen brauchen keine Gnadenakte, sondern Rahmenbedingungen und konkrete Hilfestellungen, die Karriere, Kinderkriegen und Familienleben ermöglichen. Frauen kämpfen sich dank besserer Ausbildung immer weiter nach oben, es drängen qualifizierte Junge nach - vor allem Frauen mit Migrationshintergrund.
Frauen müssen die gleichen Chancen wie Männer bekommen und in gleicher Position das Gleiche bezahlt bekommen. Selbst wenn man alle erklärbaren Unterschiede wie Alter, Beschäftigungsdauer, Teilzeit oder Branchen berücksichtigt, erhalten Frauen in Österreich um 18 Prozent weniger Stundenlohn als Männer. Das ist ein Skandal. Daran wird auch die gut gemeinte Einkommenstransparenz wenig ändern, solange nicht Firmen für Ungleichbehandlung mit Strafe rechnen müssen, sondern Betroffene, die Gehaltsinformationen weitergeben. Knackpunkt ist und bleibt die Kinderbetreuung: Wer zu wenig Betreuungsmöglichkeiten für unter Dreijährige anbietet, gibt Frauen keine Chance, überhaupt einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen. In Österreich gibt es nur für 15,8 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe eine Betreuungsmöglichkeit, vom EU-Ziel 33 Prozent ist man meilenweit entfernt. In Belgien und Frankreich ist jedes zweite Kleinkind in einer Krippe oder einem Kindergarten, und arbeitende Frauen gelten dort nicht als "Rabenmütter".
Das einkommensabhängige Kindergeld reduziert die Ausreden für Männer, warum sie nicht in Karenz gehen können. Aber es ist nicht nur Sache der Frauen, sich um kranke Kinder oder Angehörige zu kümmern und Pflegeurlaub zu beantragen.
Vielleicht braucht man den Frauentag nur deshalb, um wieder einmal aufzuzeigen, dass Gleichberechtigung immer noch vielfach bloße Rhetorik ist.

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