OTS0226 5 II 0906 KAT0003 Do, 02.Okt 2008
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Gedenken an 1938: Kirchliche Jugend ruft zu Wachsamkeit auf

Beim "Rosenkranzfest" am 7. Oktober mit Kardinal Schönborn wird an die beeindruckende Jugendfeier vor 70 Jahren erinnert, die die größte Manifestation des geistigen Widerstands gegen den Nationalsozialismus war - Jugendvertreter rufen auf, auch heute gegen Extremismus, Rassismus und Manipulationen entschieden aufzutreten

Wien, 2.10.08 (KAP) Mit einem Aufruf zur Wachsamkeit und zum Widerstand gegen jede Form von Extremismus, Rassismus und Diskriminierung haben Vertreter von Katholischer Jugend (KJ), Cartell-Verband (CV) und Mittelschüler-Kartellverband (MKV) zum Rosenkranzfest am 7. Oktober in den Wiener Stephansdom eingeladen. Vor 70 Jahren, am 7. Oktober 1938, hatten sich 7.000 Jugendliche zum gleichen Fest im Dom versammelt. Die Feier mit dem damaligen Wiener Erzbischof, Kardinal Theodor Innitzer, war die größte Manifestation des geistigen Widerstands gegen den Nationalsozialismus im gesamten sogenannten "Großdeutschen Reich". Zum Gedenken an die damaligen Ereignisse wird Kardinal Christoph Schönborn am kommenden Dienstag, 7. Oktober, um 18 Uhr im Wiener Stephansdom eine Messe feiern.

Maresi Böhm, Vorsitzende der Katholischen Jugend der Erzdiözese Wien, betonte bei der Präsentation der Gedenkveranstaltung am Donnerstag in Wien deren zentrale Bedeutung: "Nur wenn man sich mit der Vergangenheit beschäftigt und sie nicht vergisst, kann man wachsam in die Zukunft gehen". Auch heute gelte es wachsam zu sein gegenüber allen Formen von Extremismus, Ausbeutung und Manipulation, waren sich Böhm und der Landessenior des Wiener Stadtverbandes des Mittelschüler-Kartellverbandes, Philipp Sandpeck, einig.

Auch der Wiener Jugendseelsorger Gregor Jansen wollte die Feier als ein "Zeichen der Wachsamkeit" verstanden wissen. Zugleich hob er die Aufgabe der Jugend hervor, die Kirche immer wieder zu motivieren, bei Ungerechtigkeiten und Unrecht nicht zu schweigen, sondern dagegen entschieden aufzutreten. Kardinal Innitzer sei 1938 vom Mut der Jugendlichen sehr beeindruckt gewesen, so Jansen. Auch heute sollten Jugendliche diesen Mut und Einsatz zeigen.

Besondere Messfeier

Mit Kardinal Schönborn werden Weihbischof Franz Scharl, Generalvikar Franz Schuster sowie Jugendseelsorger und Seelsorger der katholischen Studentenverbände beim Gottesdienst konzelebrieren. Die Messfeier wird dabei drei besondere Merkmale aufweisen: Zum einen wird Kardinal Schönborn, wie Theodor Innitzer vor 70 Jahren, von der Domkanzel aus predigen. Im Anschluss daran werden dann die Fürbitten vor der "Dienstbotenmadonna" im rechten Seitenschiff gesprochen. Die Gestaltung dieses Elements werden Jugendliche gemeinsam mit Zeitzeugen des Gottesdienstes von 1938 übernehmen. Schließlich wird als Schlusslied "Auf zum Schwure, Volk und Land" erklingen, das die Jugendlichen 1938 vor dem Erzbischöflichen Palais auf dem Stephansplatz sangen. Mit dem Lied wurde damals und soll auch heute die Treue zu Christus und zur Kirche zum Ausdruck kommen.

Kundgebung und Ausstellung

Im Anschluss an den Gottesdienst findet auf dem Stephansplatz zwischen Dom und Curhaus eine Kundgebung statt, in deren Mittelpunkt ein überdimensionaler Rosenkranz mit von Jugendlichen gestalteten "Rosenkranzperlen" steht. Wie die KJ-Vorsitzende Maresi Böhm berichtete, hätten sich rund 50 Jugendgruppen mit den Ereignissen von 1938 beschäftigt, und ihre Ergebnisse und Erkenntnisse auf den Perlen festgehalten. Diese Perlen werden im Rahmen der Kundgebung nacheinander zum Leuchten gebracht. Auch das sei ein deutliches Zeichen dafür, dass Wachsamkeit und Mut heute genauso gefragt sind wie vor 70 Jahren, so Böhm.

Im Vorfeld der Gedenkveranstaltung wird Dompfarrer Toni Faber am 7. Oktober um 10.30 Uhr die Ausstellung "Österreichischer Widerstand von 1938 bis 1945" eröffnen. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt der Katholischen Jugend Wien in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und dem Diözesanarchiv der Erzdiözese Wien. Sie zeigt nicht nur den kirchlichen Widerstand, sondern auch den Einsatz weiterer Gruppen und Organisationen für Freiheit und Menschlichkeit. Der Großteil der verwendeten Texte und Bilder ist dabei der ständigen Ausstellung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes entnommen. Auf dem Stephansplatz ist die Ausstellung bis 21. Oktober zu sehen.

"Euer Führer ist Christus"

7.000 junge Menschen hörten beim Rosenkranzfest am 7. Oktober 1938 die Predigt Kardinal Innitzers, die von der Enttäuschung über das Verhalten der Nationalsozialisten geprägt war. Seine Ansprache gipfelte in den Worten: "Einer ist euer Führer, euer Führer ist Christus. Wenn ihr Ihm die Treue haltet, werdet ihr niemals verloren gehen".

Die Jugendlichen versammelten sich nach der Andacht spontan vor dem Erzbischöflichen Palais, um nachdrücklich ihre Solidarität mit Kirche und Kardinal zu bekunden. Tausende ließen Innitzer hochleben. Sprechchöre mit Rufen wie "Wir wollen unseren Bischof sehen!" wurden angestimmt - eine "Provokation" in den Augen der NSDAP-Funktionäre, die natürlich die Anspielung auf die Hitler-Parolen merkte.

Gestapoleute verhafteten von dieser Kundgebung weg Jugendliche, einige kamen später sogar ins KZ. Am folgenden Tag, dem 8. Oktober, schlug das Regime dann mit voller Härte zurück. "Spontan", tatsächlich aber gut organisiert, stürmte die "Hitler-Jugend" (HJ) das Erzbischöfliche Palais und das Curhaus am Stephansplatz 3. Kardinal Innitzer konnte im letzten Moment in Sicherheit gebracht werden, das Palais wurde verwüstet. Im Curhaus fiel der HJ der Domkurat Johannes Krawarik in die Hände. Er wurde aus dem Fenster geworfen und schwer verletzt. Die Polizei sah dem Treiben der HJ untätig zu.

"Mahnung und Verpflichtung"

Kardinal Schönborn schreibt im Geleitwort zum Feierheft für den kommenden 7. Oktober, dass die Ereignisse von 1938 auch heute noch zu denken geben. Seien es doch vor allem unzählige junge Menschen gewesen, die zu Opfern wurden: "Junge Menschen, auf der einen Seite voller Idealismus und begeisterungsfähig, auf der anderen Seite aufgehetzt, voller Hass und bereit zur Vernichtung".

Die Erinnerung an die Ereignisse im Oktober 1938 solle Mahnung und Verpflichtung sein, "in unserem Herzen immer wachsam zu bleiben, um immer allen Anfängen zu wehren", so Schönborn. Auch heute gebe es selbsternannte Führer mit ihren "scheinbar schlüssigen, einleuchtenden Ideologien", warnt der Kardinal.

O-Töne von KJ-Vorsitzender Böhm und Jugendseelsorger Jansen sind unter www.katholisch.at/o-toene abrufbar. (ende)
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