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DER STANDARD-Kommentar "Olympia-Lüge trifft China-Lüge" von Markus Bernath

"Die Spiele sind Politik und China wird keine Demokratie, wenn der Westen nun stillhält" - Ausgabe 25.3.2008

Wien (OTS) - Das österreichische Olympische Komitee bedauert nun wirklich die Entwicklungen in Tibet, der Deutsche Olympische Sportbund hat alle Argumente und auch seine Verantwortung "abgewogen", der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees sieht einfach "keine Bewegung" für einen Boykott der Spiele in China. Gut zu wissen. Sport ist Sport, und Politik ist Politik. Natürlich glaubt das niemand.
Schon gar nicht Jacques Rogge, der IOC-Präsident, der jetzt ganz viel reden muss wegen dieser zeitlich doch sehr unglücklichen Proteste in Tibet, knapp vier Monate vor den Sommerspielen. China werde sich durch die Organisation der Olympischen Spiele "ändern", versicherte Rogge, der oberste Olympia-Funktionär, als ob dies eine Entschuldigung wäre für den Aufruf zum "Volkskrieg" der Parteifunktionäre in Peking. Wie das nun wieder zusammengeht, wo doch der Sport nichts mit der Politik zu schaffen hat?
Das Lügenstück "Olympia" trifft auf das Lügenstück "China" - die Mär von der unvermeidlichen Demokratisierung der Volksrepublik durch die Marktwirtschaft oder wenigstens von der Möglichkeit, das leidige Demokratie-Thema unter den Teppich zu kehren, solange die Kasse klingelt. Nur drei Tage, bevor Peking die Proteste in Tibets Hauptstadt Lhasa niederschießen ließ, nahm das US-Außenministerium China von der Liste der schlimmsten Menschenrechtsbrecher der Welt. Schon wieder so eine ungünstige zeitliche Fügung. Lügenstücke haben eben ihre eigene Dynamik.
Schneller als sich die Regierungen in Europa und Nordamerika träumen ließen, steht ihr Verhältnis zur Volksrepublik China auf dem Prüfstand. Tibet wird die Kardinalfrage für den Umgang des Westens mit dem kapitalistisch-kommunistischen Zwitterregime in Peking. Die Chancen stehen dabei gut, dass sich die gewählten Demokraten im Westen in olympischer Manier verbiegen und China Zurückhaltung beim Eindreschen auf die Tibeter empfehlen.
Denn der Aufstand in Tibet wird gern als Fatalität klein geredet:
eine innenpolitische Angelegenheit, die niemanden im Ausland kümmern muss; eine schwierige Situation für die Führung in Peking, die den Staat zusammenzuhalten hat und Macht zeigen muss. Doch man sollte die Krise in Tibet vom anderen Ende denken. Wie ginge ein zivilisierter Staat mit dem Protest seiner Bevölkerung um?
Ein zivilisierter Staat würde versuchen, den Aufruhr in einen politischen Dialog zwischen der Zentralregierung und seiner so genannten autonomen Provinz Tibet zu leiten und zu entspannen. Denn autonom war Tibet nie wirklich, seit es von der Volksrepublik einverleibt wurde. Ein zivilisierter Staat würde Taiwan auch Verhandlungen über einen Nichtangriffspakt anbieten und keine Art Protektorat, das ein halbes Jahrhundert eigenständige Entwicklung und den Übergang zur Demokratie zurückzudrehen versuchte.
Die olympischen Sommerspiele 2008 sähen anders aus, gäbe es eine chinesische Führung, die sich zutraute, ihre Konflikte mit Tibet und Taiwan im Dialog zu lösen. Doch China ist kein zivilisierter Staat. China ist ein Staat, dessen Führung ihre ideologische Grundlage - den Kommunismus - verloren hat und die nichts mehr fürchtet, als nun auch noch die Kontrolle über das riesige Land zu verlieren.
Es ist richtig: Ein Boykott der Spiele mag nichts an der Natur des chinesischen Regimes ändern. Er hat 1980 auch nicht die sowjetische Invasion in Afghanistan rückgängig gemacht oder 1984 den Kalten Krieger Ronald Reagan in die Knie gezwungen. Doch ohne den Druck des Westens wird sich China nicht in Richtung Demokratie bewegen, sondern zu einem kapitalistisch-autoritären Regime entwickeln, wie es die Europäer aus den 30er-Jahren kennen.
Eine Ausnahme gibt es übrigens schon, eine Fackelträgerin, die das Lügenstück von den politischen Sommerspielen nicht mehr mitmachen will: Die Thailänderin Narisa Chakrabongse wird die olympische Flamme im April in Bangkok nicht übernehmen. Es ist ihre Botschaft an Peking.

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