OTS0207 5 CI 0564 PST0001 II Mi, 24.Aug 2005
Katastrophen / Medien / Pressestimmen / Vorausmeldung

"DER STANDARD"-Kommentar: "Ein Signal zum Umdenken" von Conrad Seidl

Politische Show und spontane Hilfe verstellen den Blick auf wichtigere Maßnahmen - Ausgabe vom 25.8.2005

Wien (OTS) - Das Dringendste ist jetzt: ein gutes Bild machen. Den Eindruck vermitteln, dass die Politik ohnehin das Richtige tut.

Die Gummistiefel sind ausgepackt, die telegenen Westen mit den Reflexstreifen ebenso - und die Verantwortlichen können losziehen, "vor Ort" Verantwortlichkeit zu demonstrieren. Dass Analysen der medialen Wirkung des so genannten "Jahrhunderthochwassers" von 2002 ergeben haben, dass das entschlossene Auftreten von Gerhard Schröder in Sachsen (und wohl auch das von Wolfgang Schüssel in Oberösterreich, aber das wurde weniger untersucht) wesentlich für die Wahlentscheidung jenes Jahres war, dürfte Politiker besonders anspornen; auch heuer stehen bekanntlich Wahlen an.

Das für die eingeflogenen hohen Herrschaften Zweitdringenste wird daher geschäftig in den Vordergrund der Wichtigkeitsrangordnung gestellt: Jetzt muss angepackt werden! Geholfen werden. Rasch. Effizient. Liegt nicht in irgendwelchen Fonds noch Geld herum? Sofort ausschütten! Denen helfen, die es am härtesten getroffen hat. Und wieder aufbauen.

Moment bitte!

Sosehr diejenigen, deren Häuser wir auf den Fernsehbildern der letzten Tage halb davonschwimmen gesehen haben, unser Mitgefühl und die öffentliche und private Hilfe brauchen, die jetzt mobilisiert wird: Ein wenig sollten wir auch innehalten. Und nachdenken darüber, was wo hingebaut werden sollte. Auch: Was wo wieder aufgebaut werden sollte, wenn Wasser und Schlamm sich zurückgezogen haben.

Denken wir also auch an das Drittdringendste: Warum sind durch das heurige Hochwasser solch immense Schäden entstanden? Weil so viele Bauten im Weg gestanden sind; in jenem Weg, den sich das Wasser nach einem ungewöhnlich starken Regen gesucht hat.

Genau genommen hätten etliche Bauwerke gar nicht dort stehen dürfen, wo im Falle von extremen Niederschlagsmengen mit größeren Wasser-oder Schneemengen zu rechnen ist. Eigentlich werden ja im Sinne der Wildbach- und Lawinenverbauung gewisse "Rote Zonen" ausgewiesen, wo eben "etwas passieren kann". Da aber Bürger und Bürgermeister gelegentlich Kompromisse schließen, damit billiger Grund in roten Zonen dann doch Bauland wird, ist vielfach ganz legal (wenn auch sachlich unrichtig), in die roten Zonen gebaut worden. Dort wieder aufzubauen beschwört die nächste Katastrophe herauf.

Womit die vierte Dringlichkeitsstufe, schon ziemlich mittelfristig und daher in steter Gefahr, von der Politik immer wieder auf die Lange Bank geschoben zu werden, angesprochen ist: Was ist alles rückzubauen? Wo sind Flüsse und Bäche in den letzten Jahrzehnten begradigt worden, wo sind aus Auen Gewerbegebiete geworden - aus denen das Wasser einfach abgeleitet wurde? Mit der Folge, dass ein paar Kilometer weiter unten am Flusslauf die Wassermassen umso schneller anschwellen und umso zerstörerischer wirken. Zwar gibt die Wasserrahmenrichtlinie der EU vor, dass die Flussläufe bis 2015 renaturiert werden müssen.

Aber da ist es noch mehrere Legislaturperioden hin und man wird wohl noch überlegen, ob man wirklich in jedem Flussabschnitt wieder natürliche Ufer, ausladende Mäander und womöglich regelmäßig geflutete Auen anlegen muss. Noch dazu, wenn trockengelegtes Auland inzwischen zu Äckern, Parkplätzen, Betriebsgelände oder gar Siedlungsgebiet geworden ist.

Stehen da die Kosten des Rückbaus dafür? Und erst jene Kosten, die, fünfte Priorität, anfallen, wenn es um ernsthafte Maßnahmen gegen den Klimawandel geht?

Hier zeigt sich, dass Dringlichkeit und Wichtigkeit nicht unmittelbar zusammenhängen: Soforthilfe ist dringlich und gut, wirklich wichtig wäre aber ernsthafte Klimapolitik; politischer Katastrophentourismus wird zwar jetzt von der betroffenen Bevölkerung erwartet - mit wirklichem Stolz herzeigen können sich die Politiker aber erst, wenn die Fließgewässer ökologisch saniert und sicher gemacht worden sind.

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