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Politik / Pressestimmen / Vorausmeldung

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Pisa und die Folgen: Zu hohe Ansprüche an Bildungsreform" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 14.02.2005

Graz (OTS) - Dass ein ziemlich mittelmäßiges Land bei einem ziemlich mittelmäßig konstruierten Test ziemlich mittelmäßig abschneidet, sollte niemanden verwundern, meinte der Philosoph Konrad-Paul Liessmann sarkastisch über die Pisa-Studie. Er mag damit Recht haben, es ändert aber nichts an den politischen Wirkungen, die deren Ergebnisse gehabt haben.

Pisa hat einen Nerv des österreichischen Selbstgefühls getroffen. Daran gewöhnt, dass dort, wo Medaillen vergeben und Ranglisten ermittelt werden, wir ganz vorne dabei sind, sind die Österreicher beleidigt. So wie die Schifahrer haben auch unsere Schulen einfach die besten auf der Welt zu sein.

Unterrichtsministerin Elisabeth Geherer hat zunächst, als die Ergebnisse durch eine Indiskretion bekannt geworden waren, deren explosives Potenzial gröblich unterschätzt und nichts getan.

Sie hoffte, die Sache mit dem Hinweis auf die ohnehin ständig laufenden Reformen im Schulwesen abtun zu können. Die öffentliche Debatte eskalierte aber und nahm eine Richtung, die alle Reformen der Ministerin als dilettantisches Herumdoktern an Kleinigkeiten erscheinen ließ. Die Gesamtschule, die man für einen verstaubten Ladenhüter sozialistischer Parteiprogramme gehalten hatte, wurde plötzlich salonfähig.

Selbst in ihrer eigenen Partei findet diese Idee nun Anhänger, nachdem man sie jahrzehntelang abgelehnt hatte. In der steirischen öVP, die offenbar keine anderen Sorgen hat, meinen manche, man könne sich damit ein modernes Mäntelchen umhängen.

Gehrer hat in ihrer Ablehnung der Gesamtschule wenige Verbündete und eine massive Stimmung in der öffentlichen Meinung gegen sich. Ihre guten Argumente, dass das System ohnehin durchlässig ist und die Wahl zwischen Hauptschule und AHS gar keine ist, jedenfalls aber keine Lebensentscheidung bedeuten muss, kommen nicht mehr zur Geltung.

Gehrer ist hineingestolpert in eine Bildungsdebatte, in der sie immer einen Schritt hintenach ist und der sie nie die Richtung geben konnte. Die Folge davon ist, dass nun alle ihre noch so guten und vernünftigen Vorschläge den hochgeschraubten Ansprüchen auf Totalreformen nicht genügen können.

Von der Abschaffung der Zwei-Drittel-Mehrheit für Schulorganisationsgesetze hat Gehrer zuletzt nicht mehr geredet. Unter diesen Umständen kann davon keine Rede mehr sein. Gespräche mit der Opposition haben folgerichtig auch keine stattgefunden. ****

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