OTS0003 5 II 0265 PTT0001 WI Mo, 11.Okt 2004
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"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Ohnmächtige Macht" (Von Peter Nindler)

Ausgabe vom 11. 10. 2004

Innsbruck (OTS) - Was bedeutet schon politische Macht, wenn das wirtschaftliche Überleben nicht von der Politik abhängig ist? Und schon gar nicht von der Tiroler Heimatpolitik. So präsentiert sich der Tiroler Bauernbund 100 Jahre nach seiner Gründung als ohnmächtige Macht. Wahrscheinlich wäre es den 20.000 Mitgliedern ohnehin lieber, es würden weniger Bauernbundabgeordnete im Landesparlament sitzen, sie dafür höhere Erzeugerpreise lukrieren. Denn die (EU-)Politik steuert nur noch die Förderungen, schon längst nicht mehr die Märkte.

Zum Vorwurf kann man den Bauern ihre politische Kraft allerdings nicht machen. Denn kein anderer Bund innerhalb der ÖVP ist strategisch so innovativ und zudem in der Lage, seine Mitglieder derart punktgenau vor Wahlen zu mobilisieren. Vom Stall in den Landtag - Tirols Bauernvertreter profitieren von ihrem selbstbewussten politischen Verständnis, nicht von einer zurückhaltenden Noblesse. Mit ihrer Lebensraumpolitik ("Unser Land") schlagen sie auch geschickt Brücken, wirken weit über den immer kleiner werdenden Kreis der Produzenten hinaus und fordern mit Recht Mitverantwortung für das Land Tirol ein.

Die eingeimpfte Überlebensdoktrin gegen die Agrarindustrie, gegen Dumpingpreise für qualitativ hochwertige Naturprodukte und den ruinösen Wettbewerb der Lebensmittelkonzerne führt des Öfteren jedoch zur Verengung gesellschaftlicher Sichtweisen, schlichtweg zum Bauernegoismus. Dabei werden satte Umwidmungsgewinne oder eine schmeichelhafte, aber überholte Grundsteuerpolitik als selbstverständlich angesehen, Diskussionen darüber pauschal als Angriff auf den Bauernstand bezeichnet. Während die Bauernparlamentarier in der Sozialpolitik die Verantwortung des Staates zurückdrängen wollen, nehmen sie ihn in der Agrarpolitik in die Pflicht.

Eines sind die Bauern aber mit Sicherheit: Ein Teil der Identität Tirols - so oder so.

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