OTS0231 5 II 0644 PST0001 Do, 20.Mär 2003
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DER STANDARD-Kommentar: "Nur mit Saddam stirbt die Angst" (von Gudrun Harrer) - Erscheinungstag 21.3.2003

Die Irakerinnen und Iraker haben wenig Grund, ihren Invasoren zu trauen

Wien (OTS) - Der Krieg ist da, im Vorfeld wurde die traurige Gewissheit von den Märkten freudig begrüßt, mit hohen Kursen, steigendem Dollar und tiefen Ölpreisen: Endlich ist er da, der Krieg. Dieser Zynismus ist Bestandteil unseres guten, moralisch so überlegenen Systems, das sich im Irak nun dem "Bösen" entgegenstellt. Möge es gewinnen, je schneller, desto weniger Menschen werden am Ende tot sein.

Wenn die Börsen Recht haben - auch wenn sie sich nach dem ersten, seltsam verlaufenden Tag nicht mehr so sicher waren -, dann wird "Operation Iraqi Freedom" hoffentlich nicht lange dauern. Und wenn sich dann genügend Iraker und Irakerinnen in die TV- Kameras hinein für ihre Befreiung bedanken, werden wir alle dafür gewesen sein.

Es ist für den Irak der dritte Krieg seit 1980, acht Jahre gegen den Iran, dann der Golfkrieg, der eigentlich seit 1991 nicht aufgehört hat - so heißt es immer wieder, und damit ist gemeint, dass es für die Iraker gar nicht mehr schlimmer kommen kann. Auch das ist zynisch: Wir schätzen den kleinen, privaten, weltpolitisch unbedeutenden Bereich zu gering, in dem Menschen leben, lieben, Kinder auf die Welt bringen, im Bett sterben. Das ging bis gestern im Irak, trotz Diktatur und trotz Sanktionen, jetzt geht es nicht mehr. Und das ist genau der Unterschied zwischen Krieg und dessen Abwesenheit. Die Iraker kennen diesen Unterschied sehr gut.

Man wird ihnen nach dem Krieg genau erklären müssen, warum ihre große Befreiung plötzlich mehr wert war als ihr kleines Leben, und auch, wie es zuging, dass plötzlich die Friedensbewegten in aller Welt sich auf die irakischen Menschenrechte besannen - um sie vor den USA zu verteidigen. Seltsame Welt, aber die Iraker werden ohnehin erst wieder langsam lernen müssen, Fragen zu stellen. Auf einige werden sie keine zufrieden stellenden Antworten bekommen.

Ihrem brutalen, korrupten Regime werden sie keine Träne nachweinen -bis es aber so weit ist, haben sie wenig Grund, ihren Invasoren zu trauen. Nach dem Golfkrieg 1991 wurden die Iraker von Bush senior aufgerufen, "ihre Sache in die Hand zu nehmen": Sie standen zu Hunderttausenden gegen Saddam Hussein auf, der ihre Rebellion niederschlug, unter anderem mit Militärhubschraubern, deren Einsatz ihm die US-Armee gestattete.

Bush sagte später, er habe nicht einen Aufstand, sondern einen Putsch gewollt. Sorry, dumme Iraker. In den Jahren darauf hieß es in Bagdad immer, wenn Saddam wieder einem Attentatsversuch entkommen war: Die Amerikaner haben ihn gewarnt.

Da ist es jetzt nicht leicht umzudenken. Wenn man befreit wird, müsste es einem ja - möchte man meinen - egal sein, von wem und warum. Aber dieses Geschenk werden die Iraker erst annehmen, wenn sie wissen, dass der Albtraum endgültig vorbei ist. Dazu brauchen sie die Gewissheit, dass Saddam Hussein weg - tot - ist.

Die kriegsführende Macht redet nicht viel davon, kein Wunder, in Afghanistan ist es ihr nicht gelungen, den Anführer der kriminellen Bande zu finden, die sie von dort vertrieben haben. Viele Iraker sind sicher, dass auch Saddam Hussein nicht zu kriegen ist, die erste, missglückte Operation dieses Krieges hat sie bestätigt. Das ist schlimm: Ungleich mehr als die Al-Kaida und ihr internationaler Islamismus mit der Figur Osama Bin Laden hängt im Irak die Herrschaft mit Saddam Hussein zusammen. Ist er weg, ist alles zu Ende. Aber nur mit Saddam stirbt die Angst.

Und dann wird viel davon abhängen, ob die USA den Frieden gewinnen:
Es darf keine Souveränität von US-Gnaden sein, die sie den Irakern geben. Warum? Aus politischer Klugheit, wie sie sie nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt haben. Aber bis dahin ist es noch so weit. Noch leben wir mit den Ängsten vor dem Zerfall des Irak mit allen Folgen, vor dem Flächenbrand in der Region, in der die Dominosteine zwar umfallen, wie es die neokonservativen Denker in den USA wollen - aber auf die falsche Seite.

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