OTS0016 5 II 1163 FMT004 So, 15.Okt 2000
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"Österreich kann keinen Anteil an meinem Nobelpreis beanspruchen"

Der Nobelpreisträger Eric Kandel, als Bub aus Wien vertrieben, kritisiert im Interview mit FORMAT die Vergangenheitsbewältigung der Österreicher und bezeichnet den Aufstieg Haiders als ein "Desaster".

Wien (OTS) - "Ich hatte wirklich wenig Spaß in Wien". So erinnert sich Eric Kandel, 71, an seine Jugend in der Bundeshauptstadt. 1939 floh er mit seinem Bruder vor den Nazis in die USA, seine Eltern konnten erst im letzten Moment das Land verlassen. Kandel im Interview mit FORMAT "Ich hätte in Österreich so leicht mein Leben verlieren können - wie mein Großonkel."

Auch nach dem Krieg, so Kandel, hätten die Österreicher ihre Vergangenheit nicht ausreichend aufgearbeitet. "Es hat sich über die Zeit gebessert. Aber nicht genug, meiner Meinung nach. Besonders wenn man es mit Deutschland vergleicht: Die gehen wesentlich offener mit ihrer Vergangenheit um." Der Aufstieg Haiders ist für ihn ein "Desaster".

Kandel war am vergangenen Montag für seine bahnbrechenden Forschungen über das Gedächtnis mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Daß er in österreichischen Tageszeitungen bereits für die Liste der "Österreichischen Nobelpreisträger" reklamiert wurde, weist er entschieden zurück: "Das ist zu hundert Prozent ein amerikanischer Nobelpreis."

"Die Wiener sind Heuchler" Eric Kandel, Nobelpreisträger für Medizin, über seine Vertreibung aus Wien, den österreichischen Antisemitismus, das "Desaster Haider" und die glorreiche Zukunft der Hirnforschung.

Format: Sie sind in Wien geboren. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Österreich?

Kandel: Mein Vater hatte ein Spielzeuggeschäft am Kutschkermarkt im 18. Bezirk, ich wuchs in einer kleinen Wohnung in der Severingasse auf. Schon vor Hitler erinnere ich mich an eine beklemmende Atomsphäre. Ich hatte wirklich wenig Spaß in Wien.

Format: Wie erlebten Sie die Übernahme durch die Nazis?

Kandel: Mein Bruder, der fünf Jahre älter ist, hat ein Radio gebaut, und wir hörten diese Musik: "Die Fahne hoch". Sehr mächtig, aber auch sehr angsteinflößend. Wir wußten sofort, daß wir raus müssen! Wir haben sofort um US-Visa angesucht, doch die Botschaft teilte erst einmal Nummern aus - und es dauerte für mich und meinen Bruder bis April 1939. Meine Eltern schafften es im November gerade im letzten Moment.

Format: Wer begleitete Sie?

Kandel: Niemand. Eine Frau, die wir im Zug kennengelernt haben, hatte sich während der gesamten Reise nach New York um uns gekümmert.

Format: Ihr erster Eindruck von New York?

Kandel: Wunderbar, ich fühlte mich befreit, hatte keine Angst mehr. Aber das war nicht verwunderlich nach meinen Erlebnissen in Wien: Nach dem Anschluß redete niemand mehr mit uns, ich wurde in eine reinjüdische Schule gesteckt. Ich wurde mehrmals im Park verprügelt, hatte enorme Angst. Die Polizei beschuldigte mich sogar, einen Baum im Park umgesägt zu haben. Nach der "Kristallnacht" wurden wir aus unserer Wohnung vertrieben, mit einer unbekannten Familie zusammengepfercht. Als wir zurückkamen, war unser gesamter Besitz gestohlen.

Format: Was wußten Sie während des Kriegs über den Holocaust?

Kandel: Es wurde nicht viel darüber geredet. Entweder weil man wenig wußte, oder weil man es verdrängte. Ich lebte in Brooklyn, wir waren anfangs bitterarm. Ich erhielt letztendlich ein Stipendium, aber nicht, weil ich ein von den Nazis Vertriebener war - wir hatten keine Privilegien.

Format: Und als der ganze Schrecken ans Licht kam?

Kandel (weint): Ich hätte dort so leicht mein Leben verlieren können. Wie mein Großonkel. Es ist ein Wunder!

Format: Sie haben Österreich wegen seiner Vergangenheitsbewältigung kritisiert.

Kandel: Ich verdanke Österreich meine Leidenschaft zur Kunst, Musik, Literatur, Malerei. Ich kam erstmals 1959 für eine Preisverleihung zurück und erwähnte in meiner Rede die Flucht vor den Nazis. Niemand sagte ein Wort, kein Applaus, gar nichts. Ich dachte:
"Es ist hoffnungslos, die Wiener sind hoffnungslos, sie sind tatsächlich die größten Heuchler, die jemals lebten." Es hat sich jedoch über die Zeit gebessert - nicht genug, meiner Meinung nach. Besonders wenn man es mit Deutschland vergleicht: Die gehen wesentlich offener mit ihrer Vergangenheit um. Ich fahre viel öfter und lieber nach Deutschland.

Format: Wie kommentieren Sie den Aufstieg von Jörg Haider?

Kandel: Es ist natürlich ein Desaster. Zunächst dachte ich, die Sanktionen sind etwas kontraproduktiv, da sie die liberalen Kräfte in Österreich schwächen. Doch haben die sich genug gewehrt? Das ganze erinnert mich letztendlich an die Unfähigkeit Österreichs, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Trotz aller Veränderungen. Vielleicht liegt es auch am enormen Einfluß der Österreicher am Naziregime, wie Statistiken ja belegen: Es gab mehr aktive Leader in Konzentrationslagern, es gab mehr Antisemitismus, weniger Hilfe für Juden, weniger Widerstand gegen das Regime, die katholische Kirche in Österreich war unentschuldbar antisemitisch. Mein Frau ist französische Jüdin, sie wurde in einem katholischen Kloster versteckt. Das alles tut mir sehr weh. Ich weiß natürlich: Alle hatten Angst vor Hitler, und es ist schwierig, ein Held zu sein. Ich selbst bin ein Feigling. Insgesamt hoffe ich aber nach wie vor auf eine Renaissance progressiver Kräfte in Österreich.

Format: Kann Österreich eine kleinen Anteil an Ihrem Nobelpreis für sich beanspruchen?

Kandel: Nein! Das ist zu hundert Prozent ein amerikanischer Nobelpreis.

Format: Erinnern Sie sich zurück an die Jahre jener bahnbrechenden Entdeckung, die jetzt den Nobelpreis brachte?

Kandel: Ich war ein junger Mann, als ich gemeinsam mit einem gleichaltrigen Kollegen meine ersten Experimente 1958 am National Institute of Health durchführte: Gleich in unseren ersten Versuchen fanden wir heraus, daß die Zellen im Gehirn sich beim Lernvorgang nicht ändern, die wirklichen Vorgänge daher in den Verbindungen, den Synapsen, passieren müssen. Kaum zu glauben: Wir waren die ersten, die das beweisen konnten, wir zwei Kids! Ich hatte doch eigentlich Geschichte und Literatur studiert und mich in Sommer- und Abendkursen über die Psychiatrie in das Feld der Neurobiologie gestürzt.

Format: Warum verwendeten Sie in Ihren weiteren Versuchen ein derart simples Lebewesen wie die Meeresschnecke?

Kandel: Erste Versuche, die Verbindungen in den Gehirnen von Säugetieren nachzuweisen, schlugen wegen der Komplexheit der Abläufe zwischen Billionen Gehirnzellen fehl. Ich wollte nicht die ganze Nacht aufbleiben für einen einzigen Versuch. Dann traf ich eine radikale, aber letztendlich die wichtigste Entscheidung meines Lebens: Ich fand in der Aplysia-Meeresschnecke das Versuchsobjekt mit den größten Zellen, so groß, daß ich ihnen Namen geben konnte, und in extrem einfacher Anordnung. Bald fand ich heraus, daß sich das Gedächtnis durch unterschiedliche Stärke der Synapsen formiert, und konnte regelrechte Karten anfertigen. Bis heute arbeite ich an der Weiterentwicklung dieser Versuchsanordnung, vor allem daran, wie Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis entstehen. Was wir heute wissen, ist, daß das Langzeitgedächtnis durch die Veränderung der Gene passiert - das heißt, Sie verlassen mein Büro mit einem anatomisch veränderten Gehirn.

Format: Wie sieht die Zukunft der Hirnforschung aus?

Kandel: Wir blicken in eine glorreiche Zukunft. Wir werden in diesem Jahrzehnt viele der neurologischen Krankheiten heilen können:
Alzheimer, Altervergreisung, aber auch Kinderkrankheiten, das Zurückbleiben des Gehirns, psychiatrische Störungen wie Depressionen. Format: Werden Menschen jemals das menschliche Gehirn kopieren, künstliche Intelligenz erzeugen können? Kandel: Das ist unglaublich schwierig. Allein, was im Gehirn vorgeht, wenn man ein Glas aufhebt:
Für einen Roboter ist das bereits ein enormes technisches Unterfangen. Das Gehirn ist das Faszinierendste, was die Evolution hervorgebracht hat.

Interview: Herbert Bauernebel

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