- 23.08.2022, 22:00:02
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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Ausgabe vom 24. August 2022, von Flo Weißmann:"Putins Aggression"
Innsbruck (OTS) - Nach einem halben Jahr Krieg in der Ukraine gibt es
keine konkrete Perspektive, wie er enden kann.
Der Kreml wähnt die Zeit auf seiner Seite. Die Ukraine ist auf das
Durchhaltevermögen des Westens angewiesen.
Sechs Monate liegt die jüngste Zäsur in der europäischen Geschichte
nun zurück. Mit der Invasion in der Ukraine hat Kremlchef Wladimir
Putin angegriffen, worauf Europa gebaut ist: die
Sicherheitsarchitektur; die Werte; den Wirtschaftskreislauf; das
Lebensgefühl; die Lehren, die Europa aus der Geschichte gezogen
hatte.
Die EU und der Westen insgesamt haben bisher verblüffend geeint und
konsequent darauf reagiert. Die Herausforderung liegt aber nicht
allein in der Sicherheits-, Energie- oder Sozialpolitik. Putins
Angriffskrieg stellt – gerade hier in Mitteleuropa – auch die
pazifistischen Impulse in Frage, die wir über Jahrzehnte
verinnerlicht haben.
Wenn die Ukraine mit militärischen Mitteln ihr Überleben als
souveräner Staat verteidigen kann, ist das ein gerechtfertigter
Krieg. Sie dabei zu unterstützen, kann moralisch und politisch
geboten sein, und es ist völkerrechtlich auf jeden Fall gedeckt.
Umgekehrt: Lässt Europa die Ukraine alleine, würde es sich selbst in
Frage stellen und verheerende Signale weit über Europa hinaus
aussenden. Putins Aggression und ihre Folgen einzudämmen, erfordert
aber auch, den Einsatz von militärischen Mitteln unter bestimmten
Umständen zu akzeptieren.
Dies war einfacher zu Beginn des Krieges, als die Ukrainer
Überraschungserfolge feierten, als Kriegsverbrechen der Invasoren die
westliche Öffentlichkeit erschütterten und zugleich deutlich wurde,
dass der Kreml sich verrechnet hatte. Die Ukraine und der Westen
fanden im Widerstand einen inneren Kitt, den sie vorher nicht hatten.
Inzwischen ist der Krieg beinahe zu einer neuen, schrecklichen
Normalität geworden. In den von Teuerung und Energiesorgen geplagten
Gesellschaften des Westens regen sich Zweifel und Ängste. Und vor
allem: Es mangelt an konkreten Perspektiven.
Militärisch scheint derzeit keine Seite in der Lage zu sein,
entscheidende Fortschritte zu erzielen. Und für eine diplomatische
Lösung fehlen die Voraussetzungen. Der Kreml rückt von seinen
Kriegszielen nicht ab und wähnt die Zeit auf seiner Seite. Auf der
Gegenseite stehen die Ukraine und der Westen vor dem Dilemma, dass
jeder Kompromiss Russland de facto eine Kriegsbeute zugestehen würde.
Und was wäre eine Vereinbarung mit Putin überhaupt wert?
Sechs Monate nach Beginn der Invasion bleibt als einzige Gewissheit,
dass der Krieg vorerst weitergeht. Welche Wendungen er noch nimmt,
hängt wesentlich von der Entschlossenheit und dem Durchhaltevermögen
des Westens ab. Die Verteidigung der Ukraine und des europäischen
Lebensmodells gegen einen Aggressor gibt es nicht zum Nulltarif.
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