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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Ausgabe vom 18. August 2022, von Floo Weißmann: "Trumps Rache"

Innsbruck (OTS) - An der Vorwahl-Niederlage von Liz Cheney zeigt sich symbolisch die ungebrochene Macht des amerikanischen
Ex-Präsidenten über seine Partei. Wer dort etwas werden will, muss seinen Angriff auf die Demokratie mittragen.

Donald Trump würde eher die amerikanische Demokratie sprengen, als eine Niederlage zuzugeben. Das ist lange bekannt. Aber welche Macht kann er in Zukunft ausüben? Seit dem Sturm seiner Anhänger auf das Kapitol läuft ein Kampf um die Seele der Republikaner. Keine drei Monate vor der Kongresswahl muss der Zwischenstand ernüchtern. Der größte Teil von Amerikas Konservativen bleibt einem Demagogen und seiner infamen Lüge verpflichtet. Abraham Lincoln, Teddy Roosevelt oder Ronald Reagan würden in dieser Partei heute keinen Blumentopf mehr gewinnen.
Einen Beleg dafür liefert der Vorwahlkampf. Die Erdrutsch-Niederlage von Liz Cheney bedeutet für Trump einen symbolischen Sieg. Sie war die inoffizielle Anführerin seiner Gegner. Dabei geht es nicht um Inhalte. Cheney gilt als stramme Konservativ­e; sie hatte als Abgeordnete fast immer für Trumps Politik gestimmt. Aber sie stellte sich später gegen den versuchten Staatsstreich und wurde deswegen zur Zielscheibe von Trumps Rachegelüsten und von Drohungen seiner Anhänger. Von den zehn Republikanern, die für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump stimmten, haben eineinhalb Jahre später nur zwei politisch überlebt. Einen weiteren Beleg liefern Umfragen. Noch im Frühsommer hieß es, dass vor allem jüngere und höher gebildete Republikaner gerne Trump hinter sich lassen würden; eine Zeitenwende schien möglich. Inzwischen schaut es wieder anders aus: Der Untersuchungsausschuss zum Kapitolsturm – samt öffentlichen Hearings und strafrechtlich relevanten Vorwürfen gegen Trump und seine Helfer – hat die öffentliche Meinung kaum verändert. Das Trump-Lager lebt in seiner eigenen Blase, in der die Bedürfnisse des abgewählten Präsidenten und der Kult um seine Person darüber entscheiden, was wahr ist und was nicht. Der Versuch – auch von Liz Cheney –, Amerikas Demokratie durch politische Aufklärung zu retten, ist offenkundig gescheitert, jedenfalls mittelfristig.
Wer in der heutigen Republikanischen Partei etwas werden will, muss Trumps Anhänger hofieren und seinen Angriff auf die Demokratie mittragen. Das verschafft dem Ex-Präsidenten die Hausmacht, es 2024 wieder zu versuchen. Und wenn er – aus welchen Gründen auch immer – nicht selbst antritt, dann wird es nach derzeitigem Stand ein Republikaner von seinen Gnaden sein.
Das ist beileibe keine inneramerikanische Angelegenheit. Solange die Republikaner an Trump hängen, droht die Führungsmacht des Westens auszufallen. Und Trumps ideologische Verwandte, die ebenfalls ihre Machtinteressen über die Demokratie stellen, verfügen über eine Vorlage.

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