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Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 13. August 2022. Von BENEDIKT MAIR. "Grundlos ausgeliefert".

Innsbruck (OTS) - In Tiroler Vereinen und Institutionen fehlen oft Konzepte, um Kinder und Jugendliche, mit denen dort gearbeitet wird, vor Missbrauch und Gewalt zu schützen. Dabei wäre der Aufwand überschaubar. Das Problembewusstsein ist es leider auch.

Wenn es passiert, will vorher niemand etwas geahnt haben. Kommen Fälle von Gewalt oder Missbrauch an Kindern, psychisch wie physisch, ans Licht, ist die Aufregung groß. Besonders dann, wenn sie im Umfeld von Vereinen oder Einrichtungen geschehen sind, denen die Buben oder Mädchen ohne große Bedenken anvertraut wurden. Konsequenzen müssen folgen. Meist kehrt schnell Ruhe ein, wenn erste Köpfe rollen. Und wenn es wieder passiert, will vorher wieder niemand etwas geahnt haben.
Wie auch, wenn keiner mit den potenziellen Opfern spricht? Wie auch, wenn ihnen nicht die Chance geboten wird, Grenzüberschreitungen niederschwellig zu melden? In zahlreichen Tiroler Organisationen, die sowohl ehrenamtlich als auch hauptberuflich mit Minderjährigen arbeiten, fehlen Konzepte, mit denen Übergriffe verhindert werden sollen. Die Kinder- und Jugendanwaltschaft fordert solche Pläne schon länger. Völlig zu Recht. Und leider vergebens.
Der Aufwand, die Lage für die Schutzbefohlenen zu verbessern, wäre überschaubar. Es wären Vertrauenspersonen einzusetzen, die speziell geschult werden und dann mit Rat und Tat zur Seite stehen – vor Ort, direkt und unkompliziert. Möglicherweise riskante Situationen – wie beispielsweise Momente, in denen die Kleinen mit Erwachsenen allein sind – gehören analysiert, damit sie entschärft werden. Kleine Schritte, mit denen großes Leid verhindert werden kann. Zu wenige Sportclubs, Musikkapellen, Schulen, Internate, Chöre und ähnliche Institutionen haben das bislang verstanden.
Wenn also der Wille, von sich aus tätig zu werden, fehlt, muss irgendwann der Gesetzgeber eingreifen. Bei jedem Fest sind Brandschutzbeauftragte vorgeschrieben, für jede Gruppierung braucht es einen Verantwortlichen oder eine Verantwortliche für den Datenschutz. Wieso gibt es noch keine verpflichtende Vertrauensperson für Missbrauch und Gewalt? Auch bei politischen Entscheidungsträgern scheint das Problembewusstsein wenig ausgeprägt.
So wie grundsätzlich die Rechte von Kindern und Jugendlichen oft übergangen, nicht mitgedacht oder als entbehrlich angesehen werden. Bei allen großen Fragen und Herausforderungen von heute spielen die kommenden Generationen, ihre Wünsche und Bedürfnisse, leider eine marginale Rolle – von der Teuerung über die Ausbildung. Es braucht ein Umdenken, die mahnenden Worte der Experten müssen endlich ernst genommen werden. Werden Verfehlungen der aktuellen Politik zu enormen Problemen, kann jedenfalls niemand sagen, er habe es nicht geahnt.

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