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TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 8. August 2022 von Peter Nindler "Hoffen auf die Wundertüte „MATTLE“"

Innsbruck (OTS) - Auch ohne Tiroler ÖVP in der Kurzbezeichnung erhält der Wähler bei der Landtagswahl die ÖVP serviert. Unabhängig davon, wie die Wahlbehörde am Stimmzettel entscheidet. Die Vorgangsweise beweist jedoch, wie nervös die ÖVP ist.

Strategisch hat die Tiroler Volkspartei allerdings alles richtig gemacht. Dass sie bei der Landtagswahl unter „MATTLE“ antreten wird, sorgt seit Tagen für Diskussionen, Spekulationen und Mutmaßungen. Die Häme der politischen Mitbewerber, dass man sich schon so sehr für den Namen „Volkspartei“ schämen müsse und ihn deshalb nicht mehr führen wolle, kann die ÖVP verkraften. Denn ihre Absicht folgt einer klaren Logik: Es geht darum, ÖVP-Spitzen- und Landeshauptmannkandidat Toni Mattle bekannter zu machen und die „Parteien-Wahl“ ganz auf den designierten Nachfolger von Landeshauptmann Günther Platter zu personalisieren. Weil er jedoch noch keinen Landeshauptmann-Bonus hat, soll Mattle bereits am Stimmzettel gewissermaßen als künftiger Landeschef positioniert werden.
Natürlich bekommt der Wähler mit Mattle die Tiroler Volkspartei mitserviert, daran ändert die Kurzbezeichnung nichts. Trotzdem wird es in der Wahlbehörde inhaltliche Kontroversen geben, denn die Wahlordnung ist ein hohes Gut. Das mussten zuletzt die Grünen bei der Gemeinderatswahl in Mutters erkennen, als sie auf die Kurzbezeichnung vergessen hatten und von der Kommunalwahl ausgeschlossen wurden. Nach einer gesetzlichen Änderung wäre es jetzt ein behebbarer Mangel. Doch bei „MATTLE“ muss die ÖVP argumentieren, dass es sich um dieselbe Wählergruppe handelt, die 2018 unter „Günther Platter Tiroler Volkspartei“ 44,3 Prozent erreicht hat. Ansonsten wird Toni Mattle auf dem Wahlzettel zurückgereiht.
Diese Möglichkeit dürfte die ÖVP ebenfalls einkalkuliert haben, um sich danach gleich in die politische Märtyrerrolle zu begeben. So nach dem Motto: Alle gegen die ÖVP, alle gegen Mattle. 2013 waren es bekanntlich die italienischen Verhältnisse, vor denen Platter gewarnt hatte. Denn das Wahlkampf-Klavier beherrscht die ÖVP nämlich auf allen Tasten.
Weniger ÖVP, dafür viel mehr Mattle lässt allerdings tief blicken. Die Volkspartei hat nicht nur auf Bundesebene ein großes Imageproblem, in Tirol liegt sie in Umfragen auch nicht besonders gut. Sogar unter 30 Prozent, wenngleich das lediglich eine Momentaufnahme mitten im Sommer widerspiegelt. So gesehen ist die Kindesweglegung am Stimmzettel eine bewusste. Was die Partei und Mattle darüber hinaus signalisieren wollen: Es wird ein klarer Schnitt zu 14 Jahren Günther Platter an der Spitze des Landes gemacht. Platter verlor in den vergangenen Monaten an Zugkraft und büßte an Vertrauen ein. Das mag zwei Jahren Corona-Pandemie geschuldet sein. Doch wer viel argumentieren muss, der verliert. Deshalb hat sich Mattle wohl lieber für einen klaren Schnitt entschieden.

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